Jun 29 2009

“Indem sie schweigen, rufen sie laut.”

Nach der Hilflosigkeit kommt das Verzagen, und es wird begleitet von einem lauten Schweigen, das mich betäubt, sobald ich hinhöre. Dieses Schweigen ist eines der Zahnräder, die den Teufelskreis meiner Depression immer wieder am Laufen hält.

Je schlechter es mir geht, umso mehr nimmt meine Sprachlosigkeit zu. Hören meine Arbeitskollegen mein Fluchen, heisst es: Heute geht es ihm gut, er flucht wieder. Kein Witz. Und treffend.

Deshalb war dies ein gutes Wochenende und ein erfolgreicher Start in die Woche (auch wenn ich den Sonntag verschlafen habe und fürchtete, wieder unterzugehen): Es gab zwei Gespräche, die ich unerwartet offen führen konnte, und mal wieder das Schweigen gebrochen haben.

Weiterlesen


Jun 24 2009

Jahrebuch

Kein Tippfehler. Schreibe auch kein Jahrbuch, sondern ein Tagebuch, aber für Jahre. Vergangene Jahre. Vergangene? Wenn ich es mir ansehe, wenn ich in mich hineinsehe, vielleicht vielmehr Verlorene..?

Es ist einfach so, dass ich auf Fragen nach meiner Vergangenheit immer erschreckend vage antworten muss, weil ich mich bei den meisten Dingen, selbst den Wichtigsten, nicht an ihren genauen Zeitpunkt oder Zeitzusammenhang erinnern kann. Blackout. Die Ereignisse existieren in meinem Gedächntnis als Inseln, nahezu in ihrem jeweils eigenen Universum, fast gänzlich ohne Zusammenhalt.

Also folgendes Projekt begonnen: Ein Moleskine-Notizheft liniert auf jeder Seite aufsteigend nummeriert, beginnend bei 1973 – meinem Geburtsjahr. Und alles, woran ich mich erinnere, auf der jeweiligen Jahresseite festhalten, versehen mit dem genauestmöglichen Termin.

Die Leere vieler Seiten ist erschreckend…


Jun 23 2009

Todernst

Ertappe mich heute als Erstes bei dem Versuch, mir meine Situation mal wieder nur durch rosa Glas zu betrachten. Erster Satz, der mir in den Kopf schießt ist der gemeinste, den mir ein anderer an den Kopf hätte werfen können: “Reiß Dich zusammen, dann wird das schon wieder!”

Erinnere mich, dass Zusammenreißen nicht funktioniert. Weil ich mich ja die ganze Zeit zusammenreiße, schon solange, dass für Veränderung keine Kraft mehr bleibt. Bleib wachsam, sage ich mir. Erinnere Dich daran, worum es hier geht:

  • “Die Sterblichkeitsrate durch Selbsttötung bei einer unbehandelten schweren Depression beträgt etwa 10 bis 15 Prozent!” (G. Niklewskji, R. Riecke-Niklewski: Depressionen überwinden, 4. Auflage, Stiftung Warentest, Berlin 2008, S. 12)
  • “Suizid gehört zu den 10 häufigsten Todesarten in Europa und den USA: ca. 11000-12000 Suizidtote pro Jahr in der BRD. [...] Das Verhältnis Suizid:Suizidversuch ist ca. 1:10-20 (evtl. mehr, hohe Dunkelziffer).” (Arolt, Reimer, Dilling: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie, 6. Auflage, Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2007, S. 352)
  • siehe auch WolframAlpha
  • Depressive haben laut Studie ein erhöhtes Risiko für Krankheiten wie Herzinfarkt und Schlaganfall
  • Dysthymia und Zyklothymia verlaufen chronisch-persistierend [...], können lebenslang bestehen bleiben.” (Arolt, Reimer, Dilling: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie, 6. Auflage, Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2007, S. 142)

Nicht vergessen: Es geht um Dein Leben!


Jun 22 2009

Mein Körper und Ich

Ich verstehe meinen Körper nicht.

Er spricht eine andere Sprache als ich: Wenn ich etwas will, versteht mich auch mein Körper häufig nicht. Ich kann nicht sagen, was er will, also mache ich weiter mit dem, was ich tun wollte. Mein Körper reagiert mit Verweigerung, er macht nicht mit. Ich versuche es mit Verhandlungen, mit Kompromissen, mit Widerspruch, mit Quid pro quo. Meist hilft das alles nichts. Wenn mein Körper nicht will, dann ist Feierabend, was immer ich auch anfangen wollte. Weiterlesen