Selbst – Bewusstsein
Einen Fehler begehe ich offenbar immer wieder: Wenn ich versuche, selbstbewusst aufzutreten, denke ich, dazu müsste ich mich darauf konzentrieren, wie ich nach außen wirke — und vergesse dabei, dass schon das Wort sagt, worauf es eigentlich ankommt: auf das Selbst und das Sich-dessen-bewusst-sein.
Dies ist der Grund, weshalb ich jetzt diesen Blog quasi neu beginne, mit dem Schwerpunkt darauf, wie ich mit meiner Depression mehr oder weniger alltäglich umgehe.
Wenn ich mir so mein Verhalten in den letzten Monaten ansehe, das mich wieder in dieses schwarze Loch gestürzt hat, dann fällt mir auf, dass ich einige Zeit lang die Depressionen, unter denen ich leide, völlig vergessen hatte. Und dass sie dennoch allgegenwärtig waren: Ohne es zu merken, war ich ständig damit beschäftigt, mich und meine Umwelt glauben zu machen, dass es diese Krankheit in meinem Leben nicht gäbe. Mit dem Ergebnis, dass ich schließlich zwei (Beinahe-)Beziehungen aufgegeben habe und meine Arbeit wegen des tiefer werdenden Schattens (vorübergehend, hoffentlich) niederlegen musste.
Ich dachte, ich hätte die Depressionen im Griff, solange ich ich alle Anzeichen der Depression unterdrücken könnte. Und ich hätte sie überwunden, sobald ich sie vergessen hatte.
Das kann ja nur schief gehen!
Zurückblickend wird mir klar, dass ich viel Kraft darauf verwendet habe, ein Theater zu spielen, damit man mir meine Krankheit nicht anmerkt. Damit ich selbstbewusst wirken konnte. Doch je mehr mein Leben zur Bühne wurde, desto mehr vergaß ich, mich um mich selbst statt meine Rolle zu sorgen.
Wenn ich versuche, mich an wichtige Entwicklungen in meinem Leben zu erinnern, dann kann ich zur Zeit nicht mehr sagen, ob ich diese Entscheidungen aus freiem(!) Willen getroffen habe, oder ob nicht “die” Depression mir diese Entscheidungen abgenommen hat. Ich kann es nicht, weil ich in meinem andauernden Schauspiel so sehr auf meine Rolle konzentrierte, dass ich weder mich selbst noch die Depression mehr erkannte. Kurz gesagt: Ich war mir meiner selbst nicht mehr bewusst.
Und tatsächlich stimmt auch: Ich war nicht mehr selbstbewusst.
Daraus kann ich für mich nur folgern: Wenn ich irgendwie mit mir, meiner Vergangenheit und der Krankheit “Depression” zurechtkommen will, dann muss ich mit diesem Theater aufhören. Darf ich nicht wieder vergessen, was einen Großteil meines Lebens beeinflusst hat und — weiss Gott! — noch immer beeinflusst. Muss ich meiner Umwelt gegenüber selbstbewusst genug sein, wirklich meiner Selbst ausreichend bewusst sein, meine Schwächen und Probleme eingestehen zu können.
Dass ich dazu gleich die ganz große Öffentlichkeit im weltweiten Netz gesucht habe… Vielleicht ist es ein exhibitionistischer Zug von mir, aber vor allem ist es eins: ausweglos. Sobald dies da draußen geschrieben steht, ist es raus. Immer wieder auffindbar. Nicht rückgängig zu machen. Ich muss dann damit leben.
Und das tue ich ja eigentlich ohnehin, auch wenn ich “das” niemandem zeigen wollte. Ich mich niemandem zeigen wollte.
Oktober 11th, 2009, 16:46 Uhr
[...] der Kritik meiner Therapeutin denke ich ein ums andere Mal über Sinn und Zweck dieses Blogs nach. Ursprünglich habe ich mir die Aufgabe eindeutig gestellt: Ich wollte über meinen selbstverordneten Schatten springen und ab sofort offen meine Probleme [...]