Neulich beim Psychiater (Medikation)
Am vergangenen Dienstag war ich also bei “meinem” Psychiater. Das “Mein” muss in Anführungszeichen, weil man ihn mit einem dutzend anderer Wartender teilen muss, und feste Termine hauptsächlich Erstgesprächen vorbehalten sind.
Ich nehme zur Behandlung meiner Depression nun seit über anderthalb Jahren Trevilor. Wie ich bis zu meinem letzten Einbruch vor drei Monaten dachte, mit Erfolg. Da dieser Erfolg nun infragegestellt war, nehme ich nun seit etwa zwei Monaten noch Nortrilen dazu, um die Abwärtsbewegung zu stoppen und mich insgesamt wieder “wacher” zu machen.
Mir ging diese Behandlung aber gegen den Strich: Noch ein Medikament! Ich beobachte Nebenwirkungen wie z.B. einen leichten Tinnitus! Ich vergesse regelmäßig einen der drei täglichen Einnahmen! usw.
Als ich dann Dienstag vor meinem Psychiater saß und den Verlauf meiner Krankheit über die letzten Wochen erläuterte, versuchte ich also, das Ganze in negativem Licht darzustellen. Doch als wollte ich meinem Deutschlehrer nochmal Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden referieren, stelle ich mitten in der Schilderung fest, dass ich eigentlich Fortschritte in den letzten Wochen beschreiben muss: Was sind Alpträume, Einschlafprobleme und ein (wohlgemerkt sehr leichter!) Tinnitus gegenüber den Wachphasen, in denen ich tatsächlich einigermaßen fokussiert bin, und so Dinge fertigbringe wie diesen Blog zu starten?!? Meine Selbstwahrnehmung, mein Selbst-Bewusstsein unterlief meinen Plan komplett: War ich im letzten Gespräch ein kaum zur Rede zu bringendes Wrack, übernahm ich diesmal fast die Führung des Gesprächs!
Inzwischen ist mir klar geworden, was mein Hauptproblem mit der Pharmakotherapie, wie sie fachsprachlich bezeichnet wird, also mit der medikamentören Behandlung der Depression ist: Es ist meine Hilflosigkeit!
Nehmen wir an, ich hätte eine Viruserkrankung, die mit Antibiotika behandelt werden soll, die bekannte Nebenwirkungen hat. Dann wäre folgendes gegeben: Man kann die Krankheit durch Tests nachweisen. Man kann den Erfolg der Behandlung messen, und man kann sie selbst beobachten, weil die Symptome der Krankheit verschwinden. Man kann die Behandlung (in der Regel) von hier auf jetzt abbrechen, wenn die Nebenwirkungen schlimmer sind als der positive Effekt der Behandlung.
Im Fall von Depressionen ist alles anders: Durch Beobachtung kann man annehmen, dass ich unter chronifizierten Depressionen leide, man kann es aber nicht messen. (Deshalb verlangen die Krankenkassen auch ärztliche Gutachten, wenn sie einen Nachweis brauchen, und nicht konkrete Untersuchungen bzw. Messwerte!) Meine “Antibiotika”, die Antidepressiva, haben bekannte Nebenwirkungen, allerdings auch weniger bekannte, sie wirken bei allen unterschiedlich, und sie sind alle derart, dass sie auch gar nichts mit dem Medikament zu tun haben könnten (Schwindel, erhöhte Neigung zum Schwitzen, Schlaflosigkeit, Übelkeit etc.). Absetzen kann man das Zeug von selbst auch nicht, man muss es ausschleichen.
Deshalb kann man auch nur schwer den Erfolg messen: Geht es mir aktuell besser wegen des Medikaments – oder trotz des Medikaments?
Kurz: Ich muss meinem Psychiater und seiner Erfahrung vertrauen. Weder er noch ich können prüfen, geschweige denn beweisen, welche Wirkung genau von dem Medikament ausgeht.
Ich habe also mittem im Gespräch festgestellt, dass ich meinem Arzt vertrauen muss. Und, was wichtiger ist, dass ich ihm vertrauen will. Und das ist gut so.