“Indem sie schweigen, rufen sie laut.”

Nach der Hilflosigkeit kommt das Verzagen, und es wird begleitet von einem lauten Schweigen, das mich betäubt, sobald ich hinhöre. Dieses Schweigen ist eines der Zahnräder, die den Teufelskreis meiner Depression immer wieder am Laufen hält.

Je schlechter es mir geht, umso mehr nimmt meine Sprachlosigkeit zu. Hören meine Arbeitskollegen mein Fluchen, heisst es: Heute geht es ihm gut, er flucht wieder. Kein Witz. Und treffend.

Deshalb war dies ein gutes Wochenende und ein erfolgreicher Start in die Woche (auch wenn ich den Sonntag verschlafen habe und fürchtete, wieder unterzugehen): Es gab zwei Gespräche, die ich unerwartet offen führen konnte, und mal wieder das Schweigen gebrochen haben.

Samstag Abend hatte ich ein langes Gespräch mit meinem Vater und meiner Stiefmutter über meine Depression und ihre Ursachen. Ich konnte einige Dinge über meine Kindheit und Jugend klarstellen, und Missverständnisse ausräumen, wie es mir schon lange nicht mehr gelungen war. Dies ist vielleicht der erste Erfolg, den dieses Blog gebracht hat. Ausgang unserer Aussprache waren meine Texte hier. Danach führte Eines zum Anderen.

Heute war mein Blog ohne Bedeutung. Mein Gegenüber war ein von der Krankenkasse zur Hilfe Gerufener, der meine Behandlungssituation einschätzen und gegebenenfalls wieder einrenken sollte. (Dass so etwas nötig ist, und wie es geschieht, kann viel über unser Gesundheitssystem sagen, aber das hebe ich mir für ein anderes Mal auf.)

Natürlich kann man meine Behandlung nicht mit einem einstündigen Gespräch in völlig neue Bahnen lenken, aber die glücklicherweise unvoreingenommene Sichtweise eines psychotherapeutisch erfahrenen Dritten hat viele Widersprüche und akute Probleme in meiner Behandlung ans Licht gefördert. Dinge, die ich zwar am Rande wahrgenommen habe, aber unter meinen zahlreichen Selbstverbesserungplänen immer wieder begraben hatte: ein drohender Stillstand in meiner Therapie; mein Immer-einen-Schritt-Zuviel-Machen-Wollen; eine nicht mehr nachvollziehbare medikamentöse Behandlung.

Morgen gehen die Gespräche weiter. Auch meiner Therapeutin gegenüber muss ich jetzt das Schweigen brechen, einfordern, nochmals ein paar Schritte zurück zu machen, konkret zu bleiben.

Also erstmal einen Schritt zurück, bevor ich wieder zwei vorwärts kommen kann.

Once more with feeling, sozusagen.


Antworten