Werteverfall
Heute ist ein guter Tag zum Denken. Das hier ist, was mich gerade beschäftigt…
Ich weiss, was zu tun wäre: Mich gesünder Ernähren, regelmäßig etwas Sport treiben, Meditieren (ein neuer Entschluss!), meine Wohnung in Schuss halten, damit ich mich dort wohler fühle. Allein, es gelingt mir nicht, mich dazu zu bringen, eines davon anzufangen.
Gründe?
Natürlich kann ich nicht von mir erwarten, wenn mich der Schatten überrollt hat, auch noch Neues und bisher Fremdes anzufangen – wenn doch schon das einfache Leben kaum mehr möglich ist, bis dahin, dass ich nichts esse, weil ich nicht einkaufen gehen kann. (Ja, so sieht es aus, wenn’s ernst ist…)
Wenn es mir aber so geht wie jetzt, ich bin wach, fähig klar zu denken, dann sehe ich jedoch wieder die sich mir stellenden Aufgaben. Aber es fällt mir dennoch unendlich schwer, sie einfach mal anzufangen. (Was tue ich gerade: schreiben, denken, nicht handeln!) Mein ganzer Körper und mein Wille stemmen sich gegen dieses Anfangen. Ich will nicht. Ich kann nicht? Ich weiss nicht. “Verzweiflung” kommt nicht umsonst vom “Zweifel”!
Procrastination nennt sich ein Teil meiner “Symptome” im Englischen, deutsch in etwa “Aufschieberitis”. In gemäßigter Form ist sie nahezu jedem bekannt – “Och nö, nich’ jetzt…” – und daher ist es kein Wunder, dass es dazu Ratgeber in gedruckter und im Internet veröffentlichter Form gibt wie Sand am Meer.
Im (englischsprachigen) Internet finden sich zahlreiche interessante Artikel unter dem Stichwort Getting Things Done (kurz: GTD). Auch wenn der Begriff zu einem bestimmten Verfahren gehört, das auf das gleichnamige Buch zurückgeht, finden sich unter dem Begriff auch zahlreiche Hilfsmittel, um dieses Verfahren umzusetzen, und davon abgeleitete andere Vorgehensweisen, um seine Dinge erledigt zu bekommen.
Ich recherchiere jetzt ca. anderthalb Wochen relativ intensiv, um eine Methodik zu finden, die mir entgegenkommt und mir tatsächlich hilft, meine sich stellenden Aufgaben nicht länger vor mir herzuschieben. Heute morgen wird mir klar, dass ich da werde lange suchen können, das Problem liegt ganz woanders. (Eigentlich nicht überraschend, dafür besuche ich ja eine Verhaltenstherapie!)
Ich bin Procrastination!
Mein Leben lang habe ich zwei Meinungen quasi als kategorischen Imperativ für mein Handeln vor mir hergetragen: Dass sich die eigene Freiheit in spontanem und ungezwungenem Handeln ausdrückt (ungeplant!) und dass der Mensch über einen freien Willen verfügt.
Menschen, die ich beobachtete, wie sie selbst-, oder schlimmer: fremdverschuldeter Pflichten nachkamen und dafür z.B. einen Abend im Biergarten verschmähten, haben mich immer irritiert, diejenigen, die von auf Monate vorausgeplanten Terminkalendern durch den Tag geführt wurden, habe ich immer verachtet. Am Schlimmsten waren diejenigen, die einen Lebensplan hatten, und mir mit 20 sagten, wann sie wie studiert haben wollten, und wann sie spätestens ihr erstes Kind geworfen haben (lassen) wollten!
“Wie kann man nur”, habe ich mich gefragt, “seinen eigenen freien Willen so von äußeren Zwängen bestimmen lassen? Ist es nicht wichtiger, einen Abend mit Freunden zu verbringen, als die olle Semesterarbeit gerade jetzt weiterzuschreiben, wo doch noch zwei Wochen Zeit dafür wäre?”
Wie anders sich jetzt alles darstellt… Ich spüre geradezu, wie sich mein Magen zusammenzieht und meine Arme sich weigern wollen, die Signale an die Finger weiterzuleiten, die das Folgende zu tippen sollen! Es ist, als sollte ich mit meiner Hand in ein dunkles Dreckloch greifen, in dem mich Weiss-Gott-was für Ekel erwarten!
Ich habe sie doch nur verachtet, weil sie nicht mit mir in den Biergarten wollten. Weil ich nicht arbeiten wollte! Sie hatten ihren freien Willen, nämlich ihren(!) Plan, heute zu arbeiten, umgesetzt. Ich war abhängig von äußeren Zwängen – von ihrem(!) Willen, ihrem Plan. Mein Entschluss, mit ihnen in den Biergarten zu gehen und dafür meine Pläne hintenanzustellen, waren keine freie Entscheidung – es war die Angst, ansonsten das nächste Mal wieder alleine rumzusitzen! Angst – das Gegenteil von freiem Willen!
All dies hat meine Depression gezündet. Aber es ist noch schlimmer: Umgekehrt haben meine Depressionen dann wieder mein Verhalten bestimmt – und tun es immer noch. Freier Wille?!?
Meine Idealvostellungen von einem quasi bourgeoise-intellektuellem Laissez-Faire-Lebensstil sind ad absurdum geführt worden. Meine höchsten Werte liegen in Trümmern. Der Punkt ist: Ich liege in Trümmern.
Was nebenan auf dem Esstisch liegt, sind nicht einfach Karteikarten mit Aufgaben, die ich erledigen will. Was dort liegt sind Äxte, Sägen, Schlagborer, Einrissbirnen, Sprengsätze, mit denen ich mich selbst zum Einsturz bringen werde. Denn mit mir, jetzt, so, ist das nicht vereinbar.
Wenn ich mich vor 16 Monaten betrachte, als ich mich toll fühlte und meinte, die Depressionen vergessen zu können, war noch so vieles meiner Handlungen auf diesen falschen Säulen gebaut – solange, bis sie mich nicht mehr tragen konnten. Übrig blieb die Angst, und dann die Depression. Aber solange sie standen, konnte ich mich wenigstens immer wieder an ihnen festhalten. Fortbewegen kann man sich dann aber nicht.
Bleibt mir nur, mit Robert Lembke zu fragen: Was bin ich?
Und vielleicht: Was will ich? Aber vielleicht gibt es gar nichts zu wollen. Vielleicht habe ich diese Überlegungen auch alle nur meiner Procrastination zu verdanken…
“Niemand ist mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein.” – Johann Wolfgang von Goethe, Die Wahlverwandtschaften