Achtung, Achtsamkeit!
Es gibt mindestens zwei Dinge, die mich dauerhaft auf eine Weise geprägt haben, dass es ausgeschlossen war, der Welt mit größerem Vertrauen entgegenzukommen: Von dem Bedeutenderen der zwei Dinge will ich nicht anfangen – und werde ich wohl nie, aus Respekt vor den Beteiligten, aus Ehrfurcht und Liebe. Der zweite Grund ist der frühe Umgang mit dem, was man unter Esoterik zusammenfassend bezeichnet hat.
Es wird zahlreiche Menschen in meinem Alter geben, die in einem Elternhaus aufgewachsen sein mögen, in dem in irgendeiner Weise ein Teil des Lebens durch ein Teilgebiet jener Esoterik geprägt war, sei es, dass sie als Kinder zu Homöopathen statt “normalen” Ärzten geschickt wurden, bei Krankheiten anders als andere mit Akupunktur behandelt wurden, aus dem ein oder anderen Grund mit dem Geruch von abbrennenden Räucherstäbchen aufwuchsen, oder ein Elternteil an die Aussagen von Astrologen oder Kartenlegern glaubte, oder der Wirkung der “Strahlung” bestimmter Edelsteine etc. pp. Allen dürfte gemein sein, dass sie in Kontakt mit dieser, sagen wir, “Glaubensrichtung” kamen durch ihre “Gläubigen”.
Bei mir lag die Sache aber etwas anders…
Mein Vater “glaubte” nicht an Esoterik. Er “machte” sie. Weil er sie journalistisch publik machte. Und hinterfragte sie jedoch zur selben Zeit – weil er es als seine journalistische Pflicht auffasste. In einer Zeit, in der Akupunktur aber weit entfernt davon war, von Krankenkassen bezahlt und von westlichen Medizinern als wirksam anerkannt zu werden, bedeutete das auch, mit einem Vater zu leben, der sich und sein “Geschäft” ständig rechtfertigen musste, und dies, für mich als Kind häufig auch zur Unzeit, auch regelmäßig tat. So kam es, dass ich früh lernen musste – vielleicht sollte ich sagen: durfte – was später Mulder und Scully auf ihre Art in die weite Öffentlichkeit trugen: “Traue niemandem!”
Mit dem Vater als Herausgeber einer, wenn nicht gar der führenden Zeitschrift für Esoterik musste ich bald lernen, dass Themen der Zeitschrift von den Massenmedien in unsachlichster Weise verunglimpft wurden. Dass also selbst der seriösesten Presse und vor allem dem Fernsehen besser in keinster Weise zu trauen ist. Zugleich natürlich, dass selbst vermeindlich objektive Wissenschaft sehr unsachlich werden konnte, wenn es an ihre Grenzbereiche geht.
Kurz gesagt: Ich musste lernen, Kind eines Freaks zu sein. Da ich mit wachsendem Alter selbst zum Ausgestoßenen wurde – aus ganz anderen Gründen – begann ich, diese Rolle zu hassen. Und damit alles, was mit dem Anormalen zu tun hatte, das mein Vater sich zu verteidigen auf die Fahnen geschrieben hatte. Wider den positiven Erfahrungen, die ich persönlich mit Vertreter(inn)en dieser “Zunft” auf die ein oder andere Weise gemacht hatte.
Damit willkommen in der Gegenwart: Wenn ich heute lese, dass Meditation gegen Depression hilft (z.B. wie hier), dann fängt mein Magen an, Purzelbäume zu schlagen. Denn da wäre zum einen “der brave Sohn”, der gelernt hat, dass auch und vielleicht gerade weniger bekannte oder abseitige Praktiken helfen können – wogegen unmittelbar “der pubertierende Ich-bin-gegen-Alles-wofür-meine-Eltern-stehen-Rebell” sofort Sturm läuft mit dem fadenscheinigen Argument, ich würde so werden, wie mein Vater.
Wenn ich darüber nachdenke, warum ich jemals zugelassen habe, Psychopharmaka in mein Leben zu lassen, dann muss ich mir eingestehen: Ich war froh, etwas Handfestes zu haben, und damit auch noch gleich den Geistern meiner Jugend eins auszuwischen. Wenn ich jetzt feststellen muss, dass die Psychopharmaka (bei mir!) nicht so wirken wie gewollt, und ich gleichzeitig beginne, ihre negativen Nebeneffekte mehr und mehr zu be- und verachten, regt sich bei mir sogleich das Bewusstsein, dass ich das schon von jeher geahnt habe und man der westlichen Standardmedizin eh’ nicht trauen soll. Und bin pkötzlich gefühlt in meiner Pubertät angelangt und 16 Jahre alt.
Mein Vater ist jetzt zu Besuch. Sozusagen im Gepäck hatte er für mich ein Buch, in dem die Praktiken der Achtsamkeit als wirksame Hilfestellung für die Bewältigung von Krankheiten beschrieben werden, die das Leben des Betroffenen in negativer Weise bestimmen. Als ich die vergangenen zwei Abende die ersten Kapitel las, begann sich mir mein Magen, wie ich annehme angesichts der notwendigen Konsequenzen, zusammenzuziehen und zu rebellieren, denn die einzige Konsequenz wäre: Beginne zu meditieren, sei weise, konzentriere Dich auf das, was Du gerade tust, sei aufmerksam, bleibe ruhig, bedacht.
Warum mich dieser Gedanke so angreift? Weil ich seit ich klein bin, mich immer dazu verdammt fühlte, einmal ein weiser besserer Mensch zu werden, als die hirnlose Masse da draußen – ich aber immer ein gänzlich weisheitsbefreiter Hedonist sein wollte, der den leiblichen Genüssen fröhnt, die ihm bis zu diesem Tag weitestgehend vorenthalten blieben!
So, wie ich bei dem Vorschlag, mehr Sport zu treiben, nicht mit dem Sport Treiben hadere, sondern mit der Idee, die dahinter steckt – in der taz las ich im Zusammenhang mit Sarkozys Zusammenbruch treffend von “Körpermanagement” – so hadere ich bei Meditation und Achtsamkeit nicht mit der “Tätigkeit”, sondern mit etwas ganz anderem: mit dem notwendigen Eingeständnis, dass ich nötig habe, eine Form von “Kopfmanagement” zu betreiben, die andere anscheinend nicht nötig haben, die erfolgreich im Leben herumhuren und bekommen, was sie (nicht) verdienen, während ich sozusagen ins Kloster soll, um ein achtsamer und damit “besserer” Mensch zu werden.
Es steht fest: Solange ich nicht in der Lage bin, diesen Widerspruch, diesen an-gewachsenen Kulturkampf für mich zu lösen, solange bekomme ich, was ich verdiene.
Depressionen.
Dezember 6th, 2009, 7:06 Uhr
[...] Der Link erreichte mich mal wieder via Metafilter, die auch gleich zu einem anderen interessanten Artikel verlinken: The Neuroscience of Mindfullness. Die deutsche Übersetzung für Mindfullness ist übrigens Achtsamkeit. [...]