“Ich-sollte-mehr-Sport-treiben”-ismus
Passenderweise an einem Tag, an dem man sich weigern will, überhaupt irgendeine Bewegung zu tätigen, da sie bei 21°C und gefühlten 200% Luftfeuchtigkeit zu den unangenehmsten Schweissausbrüchen führen, stoße ich auf eine sehr schöne Wortprägung, welche ich im Titel ins Deutsche zu übertragen versucht habe:
Das ist die treffendste Beschreibung einer Geisteshaltung, die mir selbst immer wieder zum Verhängnis wird. Der sprechendste Name für eine Pseudo-Einstellung, an der ich ganz privat kranke. Vermutlich aber auch die gesamte Gesellschaft. Ich rede jetzt mal nur von mir.
Wenn ich diesen Satz in letzter Zeit sagte, dann war dies letztendlich verbunden mit einem unausgesprochenen, manchmal sogar unbewussten Kontext, den aber jeder von sich selber kennt, nehme ich an. Eingangs: “Ja, ja, ich weiss schon.”; gefolgt von dem Hauptsatz: “Ich sollte mehr Sport treiben.” Abgeschlossen mit: “Aber is’ klar, eigentlich will ich dann doch nicht, ist soviel Aufwand, keine Lust, wozu eigentlich…” usw. usf.
Dieser Satz ist eine vorweggenommene Entschuldigung: Ja, ich weiss bescheid, ich wüsste es sogar besser, aber, na ja, “Du kennst das ja!” Man deutet an, dass man es besser machen könnte, aber aus allzu-menschlichen Gründen lassen wir es dann doch bleiben. Mit einem Augenzwinkern, das Gegenüber weiss ja, wie es ist.
Ich könnte schwören, ich habe den Satz schon einmal von jedem Menschen gehört, den ich kenne. Nur nicht von denen, die es tun. Die einfach mehr Sport treiben.
Erst in dem Artikelkontext ist mir eben klar geworden, wofür dieser Satz steht: Für alles, von dem wir zu wissen glauben, dass es ethisch oder gesundheitlich besser für uns wäre, wir uns aber mit unserer “menschlichen Schwäche” gleich vorwegnehmend dafür entschuldigen wollen, dass wir es nicht schon getan haben und vermutlich auch nie tun werden.
Weitere Beispiele: Ich sollte öfter mal das Auto stehenlassen und einfach mit dem Rad fahren. Ich sollte mich gesünder ernähren. Ich sollte eigentlich mehr für die Umwelt tun. usw. usf.
Kommt einem bekannt vor? Diese Art nicht überzeugend vorgebrachter Allgemeinplätze strahlt uns auch immer aus der Zeitung an: Wir sollten den Kohlendioxidausstoß bis 20xy um z% verringern. Wir sollten aus der Atomkraft aussteigen. Wir sollten mehr für unsere Bildung ausgeben. Wir sollten öfter mal auf das Auto verzichten und…
Der “Ich-sollte-mehr-Sport-treiben”-ismus ist die Haltung, die uns erlaubt, eine positive moralische Haltung vorzugaukeln ohne tatsächlich handeln zu müssen. Wenn ich denke: “Stimmt, eigentlich sollte ich…” – dann ist das schon das Anfang vom Ende. Es ist keine Überzeugung. Es ist keine Einstellung, es ist ein Aufgeben vor dem Beginnen.
Das Einzige was tatsächlich am Ende zählt sind die Sätze, die mit “Ich will” und “Ich (tue)” beginnen.
Alles andere ist eine Krankheit. Sie ist ansteckend und weiter verbreitet als die Schweinegrippe. Bei mir führt sie zu Depressionen. Die Depressionen sind das Symptom, nicht die Krankheit. Ich will so nicht weiter machen!
Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist.
Es wär nur Deine Schuld, wenn sie so bleibt.
Übrigens, am 27. September sind Wahlen zum Open Reichstag, äh, Deutschen Bundestag.