Frei Reisen
Vor drei Monaten war ich 36 Jahre alt geworden, vor drei Tagen erhöhte mein Vater seinen Jahrestagzähler um eins auf sage und schreibe 70. Zu letzterem Anlass hat mich mein Vater für vier Tage nach Paris eingeladen, um ihn mit seiner Frau zu begleiten und gemeinsam am 22. den runden Geburtstag zu feiern. Für mich war dieser kleine Stadtbesuch auf vielerlei Weise ein Ereignis, das für immer einen besonderen Platz in meinem Gedächtnis behalten wird.
Dies ist zum Beispiel seit meiner Kindheit der erste Urlaub, den ich mit meinem Vater gemeinsam verbracht habe. Wir haben (gerade erst vor zwei Wochen) häufiger gemeinsam auch etwas längere Zeiträume miteinander verbracht, aber nicht in der besonderen Reisesituation, bei der man weg von dem Heimvorteil des einen oder des anderen auf neutralem Boden miteinander und mit der fremden Umwelt klarkommen muss.
Ich hatte Angst, entweder mich soweit zurückzunehmen, dass ich in meine alte und depressionsfördernde Kinderrolle zurückfallen könnte, oder als Gegenreaktion wie ein Pubertierender überaggressiv reagieren könnte, wenn ich aufs Kindsein reduziert würde. Doch nichts davon trat ein. Stattdessen ist es mir gelungen, meinen Vater und meine Stiefmutter sozusagen offenen Auges gegenüberzutreten und gefühlt gleichberechtigt zu erscheinen. Wann ich mich zu behaupten und wann zurückzunehmen hätte, war jeweils meine bewusste Entscheidung, und keine davon hatte ich zu bereuen.
Und dies zum ersten Mal seit Jahren ohne Antidepressiva! Dies war quasi die Reifeprüfung, ob ich – in diesem Fall meist “positivem” – Stress auch ohne medikamentöse Hilfe bewältigen kann, und so wie ich das sehe, habe ich die Prüfung bestanden.
Frei Reisen also: frei von Medikamenten, frei von Ketten der Vergangenheit und, dank der Einladung, frei von dauernden finanziellen Bedenken.
Und vielleicht die letzte Reise frei von allgegenwärtigem Internet. Gerade stoße ich auf einen kleinen Artikel zum Reiseerleben mit nur(sic) einem iPod Touch:
First off, the revelation (for me) was how much the Google Mobile Maps App on iPod Touch completely changes the equation when traveling.
Eben. Denn was wäre geschehen, hätte ich an jedem Restaurant (zum Beispiel), vor dem wir fragend standen, ob es wohl gut oder schlecht sein möge, danach googeln können? Oder wie wären wir durch Paris spaziert, hätten wir dank(?) Google Maps immer gewusst, wo genau wir uns gerade befanden? Hätten wir dann zufällig(!) das Caveau de la Huchette entdeckt? Hätte uns die Spannung gefehlt, die uns (zumindest mich) bis zum Beginn des Auftritts verunsichert hat, ob wir es mit einem Tourispektakel oder tatsächlich mit einem der geschichtsträchtigsten Veranstaltungsorte des europäischen Jazz zu tun hätten?
Frei von Technik – wären unsere Digitalkameras nicht gewesen, die irgendwann anzufangen schienen, uns nicht die Augen für besondere Augenblicke zu öffnen, sondern zu verstellen. Wie ich schon auf dem Dockville Festival bemerkte: Entweder man fotografiert ein Festival, oder man erlebt es. Entweder man genießt den Anblick der Seine – oder man fotografiert ihn. Beides gleichzeitig geht nicht. Dies ist ja wohl auch der Grund, warum Fotografen irritiert reagieren, wenn man sie fragt, ob sie bei erotischen Aufnahmen irgendwie selbst erregt würden. Entweder man beschäftigt sich mit der Sache an sich – oder dem Schaffen eines Bildes davon. Freilich gelingt letzteres nur, wenn man zuerst ersteres getan hat. Aber ich schweife ab…
…wenn auch nicht ganz — denn was mir in diesen viereinhalb Tagen wieder bewusst geworden ist: Ich muss einfach bei mir selbst sein, bei der Sache sein, und es geht mir besser.
Sofern ich frei reise. Was wird sein, wenn ich demnächst wieder nicht ganz so frei arbeiten… muss/darf/möchte… — werde?