Dieses Blog und Ich
Seit der Kritik meiner Therapeutin denke ich ein ums andere Mal über Sinn und Zweck dieses Blogs nach. Ursprünglich habe ich mir die Aufgabe eindeutig gestellt: Ich wollte über meinen selbstverordneten Schatten springen und ab sofort offen meine Probleme bekennen. Das Blog sollte mich daran erinnern, mir immer wieder die Frage vorzulegen: Wie geht es mir? Um mich selbst auf die Antwort aufmerksam zu machen – um gegebenenfalls gegensteuern zu können.
Gleichzeitig wollte ich die Tore aufstoßen zu meinen Bekannten, die sich ob meines regelmäßigen “Austritts” aus der Gesellschaft (oder auch “nur” Arbeit) fragen mussten, was mit mir los ist. Ich wollte jedem die Möglichkeit geben, es zu erfahren – wenn er (oder sie) es wissen will. Ein Besuch meines Blogs sollte reichen.
Inzwischen bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich nur eines der beiden Ziele auch nur ansatzweise erreicht habe…
Zwar helfen mir diese Seiten tatsächlich immer mal wieder, mich nicht aus den Augen zu verlieren, sozusagen, und mich daran zu erinnern, was ich vor ein paar Tagen noch gedacht habe – aber was soll ich an den vielen Tagen wie dem heutigen tun, an dem mir nicht viel anderes einfällt als: “Joa, geht so, nicht toll zwar, aber ich habe mich im Griff. Ich warte auf den nächsten Arzttermin…”
Und dann die zweite Frage: Wer liest es eigentlich? Ich habe, wenn ich die Bemerkungen meiner Freunde und Bekannten bei gelegentlichen Treffen nicht missinterpretiere, den Eindruck, dass kaum einer regelmäßig hier vorbeischaut. Auch habe ich noch keinen Anruf oder eine Email als Reaktion auf einen Blogeintrag bekommen. Was soll ich Tore aufstoßen, wenn niemand vorbeischaut, um hindurchzutreten? Es ist viel verlangt – von meiner Therapeutin, von mir selbst – Seelenstriptease zu betreiben, nur um festzustellen, dass man es auf einer Bühne ohne Publikum tut. Das kann ich auch ohne Internet, ein Spiegel, vor dem ich Tanzen kann, steht gleich hier in der Ecke…
Von wegen Striptease und Offenheit und Ehrlichkeit: Ja, natürlich hofft man auch immer auf (auch gänzlich fremde) Aufmerksamkeit! Ja, man könnte sagen, ich bettele um sie. Was soll ich sagen? Wenn mir etwas mein ganzes Leben gefehlt hat, dann ist es – Aufmerksamkeit! (Um nicht zu sagen: Liebe…) Also, ja, meine “Blogkrise” ist auch die Frustration darüber, dass selbst so ein aufmerksamkeitsheischender Blogauftritt keine Aufmerksamkeit erzeugt hat.
Also was weiter mit diesem Blog? Ich weiss es nicht. Ich tendiere dazu, mich wieder daraus zurückzuziehen. Um es vielleicht zu einem Nachrichtenverteiler zu machen für alles, was ich im Internet an Berichten zu Medikamentenforschung, Antidepressiva, Psychotherapieen und sonstigen für das Thema Depressionen und ihre Behandlung relevanten Bereiche auftreibe. Das ist etwas, das ich gut kann und was unter Umständen einen Mehrwert für einige Surfende gerade im deutschsprachigen Raum bringen mag.
Persönliche Aufmerksamkeit, das Interesse an meiner Person, an meinem Charakter, muss ich mir woanders besorgen. Das ist auch gut so, um mal diese Redewendung aufzugreifen: Jedes Vier-Augen-Gespräch, jede Unterhaltung, jedes Bierchen mit einem Freund/einer Freundin ist mir tausendmal bedeutender als ein dutzend hits derselben Person in diesem Blog!
Demnächst mehr auf diesem Kanal, sobald ich weiss, was aus nullwert.de werden wird.
Oktober 6th, 2009, 17:16 Uhr
Hallo P,
tja, ich lese Deinen Blog regelmäßig. Obwohl ich nicht zu Deinen Freunden gehöre. Ich bewundere Deinen Mut, Deine Offenheit und Deinen sprachlichen Stil. Und ich wünsche Dir, bald wieder gesund zu werden.
Liebe Grüße,
S