“Die Pathologisierung der gesamten Bevölkerung”
Ein lesenswerter Artikel auf der Webseite des Handelsblatts zur Problematik der Diagnose und Definition sogenannter psychischer Störungen wirft interessante Fragen auf, unter anderem, ob die statistisch betrachtet zunehmenden Zahlen psychischer Erkrankungen bedeuten, dass solche Störungen heute häufiger auftreten als früher, oder ob die Gesellschaft bzw. die diagnostizierenden Ärzte schlicht zunehmend früher als “normal” eingestufte Verhaltensweisen als Störung definieren:
“Es gibt eine Tendenz, Verhalten außerhalb eines enger werdenden Normbereichs zu pathologisieren und damit auch zu medikamentalisieren”, sagt Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Mainz.
Problematisch finde ich allerdings den Kontext, in dem der Artikel erscheint: Er erscheint im Handelsblatt, und der so unvermeidbar gegebene Verdacht, der Artikel müsse damit auch eine wirtschaftlich-finanzielle Dimension haben, wird prompt durch den angehängten Abschnitt unter dem Titel “Psychiatrie-Boom” bestätigt. Die dort aufgeführten Zahlen setzen das zuvor Gesagte in Bezug zu den Kosten, die psychische Erkrankungen in Deutschland verursachen. Die berechtigte abschließende Frage des Artikels “Denn welches Verhalten wir als ‘normal’ ansehen und welches als abweichend und behandlungsbedürftig, ist nicht allein eine wissenschaftliche Frage, sondern auch eine gesellschaftliche.” wird damit durch den unausgesprochenen Zusatz: relativiert: “Und es ist (vor allem?!?) eine wirtschaftliche Frage.”
Trotzdem: lesens- und bedenkenswert.