(M)eine neue Perspektive
Vor ca. zwei Wochen setzte langsam Panik ein angesichts meiner Erwartungen an den Wiedereinstieg ins Berufsleben. Zeitgleich waren meine Freunde beschäftigt, so dass ich wenig aus dem Haus kam. Ich konnte täglich beobachten, wie es mir schlechter ging. Es musste was geschehen. Ich musste etwas dagegen unternehmen.
Glücklicherweise fiel mir einen Abend ein Buch in die Hand, dass ich aus den Augen und dem Sinn verloren hatte: “Gesund durch Meditation” von Jon Kabat-Zinn. Ich begann zu lesen und an einer Stelle machte es “Ding!” und der Groschen war bei mir gefallen: Mit einem Mal sah ich Meditation und viele Übungen aus meinem sechswöchigen Tagesklinikaufenthalt vor drei Jahren mit ganz anderen Augen.
Bisher hatte ich Meditation und vergleichbare Übungen wie z.B. die Progressive Körperentspannung immer einzig und allein als ein Mittel betrachtet, Stress zu bekämpfen. Wenn ich aber deprimiert bin – oder gar wie zur Zeit nicht einmal arbeite – habe ich nie das Gefühl, im eigentlichen Sinn “gestresst” zu sein. Weshalb dann also Meditation oder Körperentspannungsübungen?
Irrtümlich hatte ich angenommen, Meditation müsse einem leicht fallen – schließlich sei es eine Entspannungsübung. Das Buch machte mir aber endlich klar, was ich missverstanden hatte: Es ist keine, sondern vielmehr ist Meditation eine Übung in Konzentration. Damit wurde mir endlich klar, warum ich meine Versuche zu meditieren als anstrengend empfand: Das ist es, wie es jedes Konzentratieren auf eine einzige Sache ist. Mir wurde damit auch klar, was das “Ziel” der Übung ist: eine bewusste Selbstwahrnehmung. Verkürzt und typisch esoterisch ausgedrückt: Es geht darum, wieder zu lernen, sich selbst richtig wahrzunehmen.
So verstand ich auch plötzlich besser, oder erinnerte mich wieder daran, was während der Übungen in der Tagesklinik eigentlich mit mir passiert war: Ich hatte dort gelernt, mich besser wahrzunehmen, und nicht mehr wie eine Maschine auf jeden Impuls mit einer automatischen un(ter)bewussten Handlung oder Gefühlsreaktion zu antworten. Vielleicht ist es das, was mir damals am meisten geholfen hat – und nicht, wie ich dachte, die Medikamentenbehandlung und das Gespräch mit anderen Depressionskranken.
Zwei Dinge hatten mich bisher abgehalten, mich dauerhaft mit Meditieren zu beschäftigen, obwohl ich mehrfach gelesen hatte, dass Meditation sehr gute Hilfe gegen depressive Zustände bietet: Zum einen, dass ich bei jedem Versuch glaubte, gescheitert zu sein, weil ich weder einen “meditativen” noch einen entspannten Zustand erreicht hatte, zum anderen, weil mir niemand erklärt hatte, warum es eigentlich helfen soll. Beides ist nun hinfällig: Ich war nie gescheitert – ich hatte Sinn und Zweck falsch verstanden. Und ich verstand, warum es helfen sollte: Es ist eine Übung, die mir hilft, die Automatismen abzustellen, die offenbar immer wieder in mein den Depressionen Vorschub leistendem Fehlverhalten münden, weil ich lerne, meine Gefühlsreaktionen bewusster wahrzunehmen – und sie einfach mal nicht zu beachten.
Seit dieser Erkenntnis folge ich dem Übungsprogramm des Buches und mache eine dreiviertelstündige Meditationsübung pro Tag. Mit einer Abwandlung: Statt der Meditation gehe ich auch (bisher zwei- bis dreimal die Woche) Laufen. Auch das gelingt mir nun leichter: Ich sehe als Ziel des Laufens nicht, schneller/länger/weiter zu kommen, wie ich es bisher immer tat, sondern ich betrachte es jetzt als “Laufmeditation” und versuche einfach, konzentriert regelmäßig zu atmen – während ich laufe. Der Trick für mich ist, dass ich damit nicht mehr das Gefühl haben muss, “gescheitert” zu sein, wenn ich mal nicht so lange laufe. Ist egal, darum geht es nicht: Hauptsache, ich habe versucht, mich auf das zu konzentrieren, was während des Laufens mit mir vorgeht – Ziel der Übung erreicht.
Das geht jetzt anderthalb Wochen sehr gut, und tatsächlich ist meine Panik vor dem Arbeitsantritt vergangen. Zum einen, weil die Übungen mir langsam beibringen, die aufkommenden Panikgefühle einfach als Körpersignal zu verstehen, sie wahrzunehmen und dann “vorbeiziehen” zu lassen. Zum anderen, weil das Laufen mich natürlich als Nebeneffekt(!) auch körperlich fitter macht, so wie mich die Meditation als Nebeneffekt auch (je nach Tag unterschiedlich stark) entspannt. Und last but not least: Ich habe endlich das Gefühl, ein Werkzeug, einen “Trainingsplan” gegen alles möglicherweise Eintretende gefunden zu haben, und damit der Zukunft nicht hilflos ausgesetzt zu sein.
Ich hoffe, diese neue Sicht der Dinge hält der Prüfung durch die Alltagsrealität ab kommenden Montag stand.