Nov 23 2009

Depressive und “die Anderen”

Bezeichnenderweise teilt Telepolis heute meine Bedenken zu dem gestern von mir verlinkten Fall einer Depressionskranken, die ihren Versicherungsanspruch wegen Fotos bei Facebook verloren haben soll.

Vielleicht wird die Wichtigkeit der durch diesen Fall losgetretenen Fragen nach Umgang mit öffentlichen Daten und dem (öffentlichen) Leben an Depression Erkrankten deutlich, wenn ich mal eine kurze Liste typischer Fragen – oder treffender: Sorgen – aufstelle, die aufkamen, sobald ich im letzten halben Jahr mal einen meiner besseren Phasen hatte:

  • Darf/soll ich mich mit Arbeitskollegen während meiner Krankschreibung in der Kneipe auf ein Bier treffen?
  • Darf ich auf das Konzert von Band XY gehen? Was ist, wenn ich einem Kollegen begegne?
  • Was darf ich über Freizeitaktivitäten posten? Wie wird mir das ausgelegt, wenn da plötzlich steht, dass ich einen Abend gefeiert habe oder ein paar Tage Urlaub in Paris machte? (Letzteres habe ich tatsächlich, mit Einverständnis meiner Krankenkasse, Ärzte und des Arbeitgebers.)
  • Verstehen meine Kollegen und Freunde, dass es mir nach außen hin einigermaßen gut gehen kann, ich trotzdem weiterhin krankgeschrieben bin?

Welche Antworten man auf solche Fragen bekommen kann, zeigen einige der Beiträge im Leserforum, die wie ich fürchte teils ernst gemeint sind.

Der folgende Beitrag stammt zwar offenbar von einem klassischen Troll, wenn ich mir dessen Gewese auf heise.de so anschaue, aber er fasst in zwei Sätzen alle Ängste eines “Normaldepressiven” darüber, was man von ihm denken könnte, wenn er wegen seiner Krankheit arbeitsunfähig geschrieben wird, außerordentlich treffend zusammen:

Depression ist keine Krankeheit sondern gesellschaftlich sanktionierte Faulheit mit großem “Krankheitsgewinn”!
“Depressiv” ist nur jemand der es sein will um der Vorteile willen!

Angst vor solchen Vorwürfen treibt Betroffene in die Isolation und führt dazu, dass sich zahlreiche Behandlungsbedürftige nicht helfen lassen. Im Extremfall bis zu dem Punkt, an dem sie den Tod erträglicher finden als die Vorstellung, sich in psychiatrische Behandlung zu begeben.

Was jene kanadische Krankenkasse jetzt aus kurzsichtigem finanziellen Interesse angerichtet hat ist, Vorurteile wie die oben zitierten quasi zu sanktionieren und zugleich die Ängste der Betroffenen über das, was andere von ihnen denken könnten, wenn sie sich krankschreiben ließen, weiter anzuheizen.

Übrigens: Ich habe mich beim Antworten im Heise-Forum dabei ertappt, einen Link auf mein Blog absichtlich auszulassen – aus Angst vor den Trollen! Na wunderbar…