Nov 21 2009

Drei Wochen

Jetzt sind es schon drei Wochen, die ich wieder am Arbeitsleben teilnehme, und bis auf eine Andeutung, dass es auch mal nicht so rund läuft habe ich mal wieder fast nichts darüber verraten, wie es mir damit eigentlich geht…

Der wichtigste Grund für mein “Schweigen” – das wird mir gerade bewusst, während ich das schreibe! – ist wohl, dass ich mich offensichtlich schwer tue, so etwas wie “Normalität” oder “Alltag” als etwas Gutes zu begreifen – selbst wenn ich mir diesen Zustand über ein halbes Jahr lang erkämpfen musste und ja auch spüre, dass mir die letzten drei Wochen gut getan haben…

Denn das kleine Stückchen Ordnung, das mein Bürojob so mit sich bringt und das man landläufig als “Alltag” bezeichnet, hilft ja: Ich stehe (mehr oder weniger) regelmäßig morgens früh auf, was mit sich bringt, dass mir in der Regel spätestens kurz nach Mitternacht die Augen zufallen. Und ich esse regelmäßig und pünktlich etwas Warmes zu Mittag. (Für Nichtbetroffene mag es merkwürdig sein, solche Selbstverständlichkeiten als Fortschritt darzustellen – aber ihre Bedeutung wird deutlich, wenn man sich bewusst macht, dass Schlafstörungen und Appetitlosigkeit mit die ersten Symptome (m)einer Depression sind!)

Und da ist noch gar nicht mit berücksichtigt, was der tägliche Kontakt mit Freunden und Kollegen mir gibt, und die positiven Rückmeldungen auf meine Arbeit – auf die man mich allerdings offenbar auch erst mit dem Zaunpfahl winkend aufmerksam machen muss, damit ich sie mitbekomme.

Es ist also eigentlich erstaunlich – und für mich, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, sehr befremdlich – dass ich hier nicht einfach schreiben kann: “Hey, es geht mir richtig gut!”

Vielleicht liegt es daran, dass ich bei jeder Meditationsübung – die ich, toi toi toi, weiter täglich mache – feststellen muss, wie sehr sich meine Gedanken noch immer um Ängste und Probleme in Verbindung mit meiner Arbeit drehen, dass ich noch immer nicht “loslassen” und einfach mal zufrieden mit meinem Tagewerk sein kann.

Vielleicht liegt es daran, dass ich beobachte, dass ich trotz nur halbtägiger Beschäftigung langsam wieder anfange, Schwierigkeiten mit der Koordination meines Alltags zu bekommen: Ich koche seltener selbst, mein Bio-Gemüse-Abo, das mir geholfen hatte, gesünder – gemüsereicher – zu essen, musste ich abbestellen, da die Lieferzeit nicht hinkam, und noch zahlreiche andere Kleinigkeiten dieser Art…

Vielleicht Ich denke Es liegt aber letztendlich an etwas anderem, wenn ich ehrlich bin. Das ist etwas Grundlegendes, und heute will ich darüber nicht mehr nachdenken. Tut mir leid, lieber Leser.

Aber dafür darf ich die drei Wochen nach diesen Gedanken positiv zusammenfassen: Mir geht’s gut!

Danke der Nachfrage.


Nov 21 2009

Über “Über/About Nullwert”

Da nichts sonst in diesem Blog darauf aufmerksam macht, soll dies mal eben auf diesem Weg passieren: Ich habe die About-Seite des Blogs völlig neu formuliert.

Sie gibt nicht mehr einfach eine Kurzauskunft darüber, warum dieses Blog ausgerechnet Nullwert heisst, sondern geht jetzt auch auf meine Krankheitsgeschichte (die auch meine Lebensgeschichte ist, irgendwie) ein, sowie auf die Gründe, aus denen ich mich Mitte diesen Jahres entschlossen hatte, dieses Blogprojekt so zu führen, wie ich es jetzt tue.


Nov 19 2009

Helen

Die Ärztezeitung machte mich heute erstmals auf einen offenbar nächsten Donnerstag in Deutschland anlaufenden Film aufmerksam: Helen:

Da die Hauptdarstellerin Ashley Judd 2006 selbst wegen Depressionen in klinischer Behandlung gewesen ist und das Filmprojekt auf ein persönliches Schicksal im Umfeld der Regisseurin hin entstanden ist, stehen die Chancen gut, dass es dem Film tatsächlich gelingt, die Formen und Auswirkungen der Krankheit jenseits aller Klischees wiederzugeben.

Wie kino-zeit.de kann ich dem Film nur wünschen, tatsächlich die angestrebte breite Öffentlichkeit zu erreichen. Vielleicht sorgt der “tragische Zufall” (Ärztezeitung), dass der Kinostart zusammenfällt mit der Berichterstattung um Robert Enke, für die notwendige Aufmerksamkeit.

Update: Link zur offiziellen deutschen Webseite – Kinostart ist offiziell der 26.11.09.


Nov 16 2009

Zur “Offenbarung eines Depressiven”

Ich habe mich gestern Abend (und heute gleich nochmal) deutlich mehr über die Behauptungen Manfred Lütz’ aufgeregt, als es tatsächlich gerechtfertigt ist. Der Passus, der mich aus dem Gleichgewicht brachte, war dieser:

Solche Depressionen haben nichts mit unserer schnelllebigen Zeit zu tun. [...] An dieser Krankheit ist niemand schuld. Man beschreibt sie am besten als Stoffwechselstörung im Gehirn, die mit Stoffwechselprodukten – Medikamenten – heute gut behandelt und in den meisten Fällen geheilt werden kann.

Diese Sätze waren so formuliert, dass man sie statt als medizinische Aussage auch als politische oder moralische missverstehen konnte. Aber selbst wenn ich das auf diese Weise (und aus privaten Gründen) Missverstandene beiseite lasse, halte ich diese Aussagen für irreführend. Denn sie sollen nahelegen, dass Depressionen eine rein physische Störung sind: Weder die “Zeit” (Kultur, Umwelt, Politik, Finanzsituation, Stress…) noch persönliches (Fehl-)Verhalten (niemand schuld) seien Ursachen der Krankheit, sondern eine Stoffwechselstörung. Dies ist schlicht weder bewiesen, noch unumstritten – im Gegenteil. Und: Laut Lütz wären Medikamente die Behanldung der Wahl – von Psychotherapie, Sport und Ernährung kein Wort. Wie übrigens auch von den zahlreichen Nebenwirkungen der Antidepressiva.

Und dann wäre da noch das kleine Adjektiv “gut”…

Spiegel Online hat einen Mitarbeiter gefunden, der sich namentlich “outet” und über seine individuellen Erfahrungen mit seiner Ausprägung der Krankheit Depression berichtet -
und dabei auch endlich einmal das zur Sprache bringt, was die aktuell allseits gefragten und zitierten “Spezialisten” so gerne unter den Tisch kehren:

Ich bin keine Ausnahme, die ärztliche Versorgung von Depressiven in Deutschland ist eine Katastrophe. Ich weiß von Psychiatern, die die erfolgreichen modernen Medikamente nicht einmal kennen, und es gibt immer noch zahlreiche Kliniken, die Depressive aus reiner Bequemlichkeit mit Tranquilizern ruhigstellen.

Es wäre jetzt die Zeit für Presse und Politik, sich dieses vernachlässigten Themas anzunehmen. Es hilft nämlich nichts, die Öffentlichkeit via Enkes Schicksal über das Phänomen “Depressionen” aufzuklären (falls man das verbreitete Halbwissen – siehe oben – überhaupt als “Aufklärung” bezeichnen mag), die so Informierten aber in der monatelangen Warteschlange des nächstbesten schlecht ausgebildeten Psychiaters oder Psychotherapeuten “verhungern” zu lassen.