Dez 27 2009

Worte zum Sonntag (#9): Weihnachtsnachlese


Dez 26 2009

Kurz und gut

Meine weihnachtlichen Höhen und -Tiefen bisher wirken vielleicht besorgniserregend. Keine Sorge: Es geht mir gut. Zumindest im Sinne von: Es droht keine Depression. Solange ich mir meine (positiven und negativen) Gefühle soweit bewusst machen kann, dass ich darüber schreiben kann, ist alles in Ordnung.

Wenn ich anfange zu schweigen – dann ist Gefahr im Verzug.


Dez 26 2009

Nicht gesellschaftsfähig

Geschenke für Menschen erfinden, die ich ein kein halbes Dutzend mal getroffen habe und deren Denken und Wünsche ich nicht verstehe – ich denke nicht daran. Menschen, die mir nahestehen, Geschenke zu machen, die dem Ernst der Lage nicht angemessen sind – kann ich nicht. Weihnachtsfeiertags einen Saufen gehen mit Menschen, die ein Weihnachten hatten – sollte ich nicht.

Ich bin mir jedes faux pas, den ich begehe, bewusst. Ein jeder schlägt in meine mühevoll aufgebaute Fassade, mein Verteidigungsbollwerk, ein wie ein Kanonenschuss in die Mauern einer belagerten Stadt. Genügend Treffer, und ich breche zusammen.

Was ich denke, dass Ihr es von mir erwartet, ich kann es nicht. Was ich glaube, das Ihr erwarten könnt, es scheint Euch nicht zu interessieren. Ich sehe die Welt nun einmal anders, und kann es nicht vermitteln, denn jeder hat nur begrenzt Zeit und Interesse.

Ich kann nicht lügen. Ich kann nicht schenken, wenn ich nicht weiss, was schenkenswert ist. Ich kann nicht lachen, wenn mir nach weinen ist. Ich kann nicht lieben, wenn ich nicht weiss, was Liebe ist.

Ich bin ein egozentrisches egomanisches Arschloch. Man kann mir schenken, ohne dass ich mich bedanke. Man kann mich willkommen heißen, ohne dass ich mich willkommen fühle. Man kann scherzen, und mich damit beleidigen. Man kann sich freuen, und ich werde darüber traurig.

Pavlov spielt auf mir und lässt mich denken: Ihr könnt mich alle mal! Und dann wieder nicht…

Ich bin nicht gesellschaftsfähig. Aber arbeiten – das kann ich wieder!

P.S.: Eine Entschuldigung Ein Postscriptum folgt vielleicht vielleicht, wenn ich wieder nüchtern bin und Distanz gewonnen habe. Aber Tagebücher sind, was sie sind, und ein Blog, dass keine Momentaufnahme ist, ich ein Haufen nichtssagender Scheisse. Ich hoffe, es wird deutlich, dass ich niemandem einen Vorwurf mache (außer mir selbst). Ich bin dankbar dafür, dass ich den gestrigen Tag mit den Menschen verbringen durfte, mit denen ich es getan habe. Das hier ist “nur” die verzerrte Verwunderung über mich selbst. Warum ich so fühle, wie ich es manchmal tue – ich weiss es nicht.


Dez 24 2009

Meine heutige Weihnachtsgeschichte

Ich koche selten. Zur Zeit Meistens bin ich nun mal allein, und es fällt mir nur selten ein, mir etwas Gutes zu tun, indem ich mir die Zeit nehme, etwas Anspruchsvolleres zu Essen zu machen. Ich vermittle nur gerne den Eindruck, mehr vom Kochen zu verstehen, als ich praktisch umsetzen kann – was ich meiner Mutter verdanke.

Meine Mutter war eine begnadete Köchin. Sie hatte ein Verständnis von den Lebensmitteln und den Werkzeugen, sie zu bearbeiten, wie es Künstler von Farbtuben und Pinsel und Leinwand haben: Völlig intuitiv machte sie aus den zur Verfügung stehenden Mitteln etwas Besonderes. Ich habe also geschmeckt, wie Gutes zu schmecken hat, und beobachtet, wie es zubereitet wird. Und ich habe die Geschmäcker, die sie hervorgezaubert hat, noch immer im Mund.

Es sind vor allem einige wenige Gerichte, die mir unvergesslich bleiben. Vermutlich, weil sie zu besonderen Anlässen gekocht wurden. Oder einfach, weil sie so gut schmeckten. So zum Beispiel die Ente, die jedes Jahr zu Weihnachten anstelle einer Gans zubereitet wurde. Sie ist mir so sehr mit Weihnachten verbunden, und ihr Geschmack ist mir so gegenwärtig, dass ich nicht auf die Idee käme, sie so selbst zubereiten zu wollen. (Ich habe einmal Entenbrust zu Weihnachten gemacht, da aber ganz bewusst nach einem ganz anderen Rezept!)

Also, vor diesem Hintergrund stand ich nun vor einigen Tagen vor derselben Frage, die mir mein Vater heute gestellt hat: Was mache ich eigentlich an Heiligabend? Und denke als erstes daran: Was mache ich mir – zu Weihnachten – zu essen! Warum auch immer, mir fiel anstelle der Ente ein anderes Gericht ein, das mir meine Mutter in besonderer Weise in Erinnerung gekocht hat: Boeuf Bourgignon. Von einem Moment auf den anderen wusste ich: Das werde ich zu kochen versuchen.

Ich habe wohl rund einhundert Kochbücher im Regal stehen – alles Erbstücke von meiner Mutter, die sie sammelte – und dort drei Rezepte zu Boeuf Bourgignon gefunden – und sie alle beschrieben etwas Anderes. Nicht nur, dass sie es anders zu kochen verlangten, wie ich es von meiner Mutter so halb im Gedächtnis behalten habe, sie widersprachen auch noch alle einander, sowohl von den Zutaten her als auch was ihre Zubereitung anging.

Kurz, ich war von Gedächtnis und Schriftwerk verlassen. Was ich die Stunden zwischen 16 und 19 Uhr gemacht habe, war reine Intuition. Um halb neun etwa nahm ich das Boeuf nach inzwischen knapp drei Stunden in der alten Tonkasserolle, aus der wir auch zuhause das Gericht immer gegessen hatten, aus dem Ofen, in dem es geschmort hatte, und machte es mir bei Kerzenlicht in meinem Wohnzimmer, umringt von den Möbeln meiner Kindheit, mit etwas Spätburgunder Rotwein und dem Essen gemütlich – sofern “gemütlich” das richtige Wort ist für die gemischten Gefühle aus (wenig) Hoffnung und (großen) Befürchtungen, die das vor mir stehende Kochexperiment in mir erweckte.

Aber: Alles war gut!

Natürlich war es nicht dasselbe wie damals. Aber fast! So fast, dass mir die Tränen in die Augen stiegen vor Glück. Für einen Moment war ich wieder, keine Ahnung, vierzehn? Jahre alt – und zuhause. Und für einen Moment glaubte ich, meine Mutter hatte den ganzen Tag über meinen Kochlöffel geführt.

Gut, ich bin aufgeklärt genug (oder zu aufgeklärt?), um nicht auch zu denken, dass es ein bisschen Placebo-Effekt war. Aber was auch immer die Wahrheit ist, heute Abend hatte ich mein kleines persönliches Weihnachtswunder: Es bestand in einem wunderbaren Essen, einem Geschmack, einer Erinnerung.

Wäre ich nicht allein gewesen, hätte ich nie die Zeit und Aufmerksamkeit aufgebracht, es so zu erleben. Und so hatte auch das seine gute Seite.