Über mein Meditieren

Gestern erinnerte mich die englische Presse durch eine breite Online-Berichterstattung über eine Studie der britischen Organisation Be Mindful zu den nachgewiesenen Erfolgen, die Meditation und Achtsamkeit bei der Behandlung von Depressionen erzielen, an mein Vorhaben von Ende letzten Jahres, einmal zu beschreiben, wie ich mein Meditieren erlebe und wie es mir ganz persönlich hilft.

Es gibt wahrscheinlich zahlreiche Arten und Weisen, wie man meditieren kann. Das Buch, nach dem ich mich gerichtet habe, Gesund durch Meditation von Jon Kabat-Zinn, beschreibt schon zwei Meditationen ausführlicher. Ich bin jetzt dazu übergegangen, in der Form zu meditieren, wie man sie vielleicht “klassisch” nennen kann: im Schneidersitz, Hände im Schoß gefaltet, mit geschlossenen Augen.

Ich habe bisher “richtig” nur zuhause meditiert, und tue das dort in meinem Wohnzimmer, weil dies für mich (absurderweise) im Vergleich zum Schlafzimmer der von mir als ruhiger empfundene Raum ist. Meist dunkle ich den Raum ab, indem ich nur indirektes Licht anschalte oder Kerzen anzünde. Anfangs habe ich mich auf den Boden gesetzt – weil es an Dokumentationen erinnert, bei denen Meditierende in japanisch anmutenden Dojos sitzen, vermutlich – aber aus Mangel an einer vernünftigen warmen Unterlage sitze ich jetzt einfach auf meinem weichen Sofa, mit einem kleinen separaten Kissen unter meinem Hintern, um das aufrechte Sitzen zu unterstützen. Ich sehe mich einmal um, ob alles seine Ordnung hat, atme ein-, zweimal tief durch, lege die Hände in den Schoß und schließe die Augen.

Die ersten Atemzüge brauche ich, um überhaupt erstmal zu akzeptieren, dass ich jetzt nichts machen will. Dann merke ich, dass die Schultern immer noch angespannt sind, und versuche, sie langsam sinken zu lassen. Dann spüre ich meist, dass ich die Augen nicht nur geschlossen, sondern fast zugekniffen habe, und lasse auch hier locker. Dann entspannt sich langsam auch mein Kiefer, der wegen seiner Stressanfälligkeit auch schon die Aufmerksamkeit meines Zahnarzts gefordert hatte.

Dann kann ich so langsam daran denken, nichts mehr zu denken. Man behilft sich dabei eines Tricks, dessen tieferen Sinn ich erst später erkannt habe (dazu weiter unten): Man konzentriert sich aufs Atmen, oder vielmehr, auf einen beobachtbaren Aspekt des Atmens. Das kann das Heben und Senken des Bauchs sein (es wird Bauchatmung empfohlen) oder das Gefühl, dass der ein- und ausströmende Atem an den Nasenflügeln erzeugt.

Es wäre jetzt schön, wenn mir das gelingen würde. Tut es aber natürlich nicht. Je nachdem, was einen beschäftigt hatte den lieben langen Tag lang, bewusst oder unbewusst, es wird einem jetzt schon einfallen. Die Gedanken können “aus dem Nichts” auftauchen, wenn es einem überhaupt schon gelungen war, einmal nur das Atmen zu beobachten, oder sich einfach kettenartig an das zuletzt Gedachte anknüpfen. Bei mir ist es so, dass sich mir schon nach den ersten paar beobachteten Atemzügen irgendein Gedanke aufdrängt.

Was ich erst nicht verstanden habe: Das ist kein Fehler, kein Zeichen, dass die Meditation fehlschlägt. Hier fängt sie an.

Es geht darum, wie man mit den auftauchenden Gedanken umgeht. Statt sich – wie man es täte, wenn sich einem in einen kurzen Moment der Ruhe ein Gedanke aufdrängt – mit ihm zu beschäftigen (Wo kommt er her? Warum habe ich ihn? Was soll ich deshalb tun?), liegt der “Trick” darin, sich eben nicht weiter mit ihm zu beschäftigen. Ein Bild, das viele verwenden, ist: Man soll den Gedanken ansehen, wie man Wolken ansieht, die man beim Vorüberziehen beobachtet. Ich selbst würde sagen: Ich betrachte sie wie Bilder bei einer Diavorführung. Ich sehe jedes einmal an, und, klick, dann kommt das nächste.

Wenn es gut läuft, wird die Pause zwischen den Dias irgendwann länger. Und in den Pausen ist Ruhe. Wirkliche Ruhe.

Gedanken, die sich mir immer wieder zwangsläufig aufdrängen, haben mit dem Körperempfinden zu tun. Wenn ich verkrampft bin oder hungrig – wenn ich es vorher nicht bemerkt habe, jetzt in der konzentrierten Stille der Meditation werde ich die verärgerten Muskel oder den rebellierenden Magen spüren. Aber das ist gut so! Vorher hat mich sonstwas davon abgehalten, es zu bemerken, jetzt ist immerhin soviel Ruhe, dass sich mein Körper Gehör verschaffen kann. Ich nehme es zur Kenntnis. Und sollte es dann für den Moment aber damit auch erstmal gut sein lassen.

Dasselbe gilt für alle anderen Gedanken. Nicht wundern, woher die Gedanken kommen, sondern bewusst jeden einzelnen einmal wahrnehmen. Obwohl der Irrsinn, der sich mir da bisweilen in Einzelaufnahmen offenbart, mir überhaupt nicht gefällt. Es muss ein Durcheinander sein, dass mir den ganzen Tag schon durch den Kopf ging – ohne dass ich es bemerkt hätte. Im Alltag sieht man den Wald an Gedanken, in dem man steht, vor lauter Einzelgedanken, die sofortiges Handlen verlangen, gar nicht mehr.

Vor Kurzem fiel mir ein sehr nerdiges Sinnbild für diesen Vorgang beim Meditieren ein:

Wir kennen alle beim Sitzen vor dem Computer den Moment, bei dem irgendein Programm plötzlich nicht mehr antwortet. Man klickt – nichts passiert. Vielleicht dreht sich fröhlich der Wartecursor, vielleicht passiert auch gar nichts, oder alles beginnt zu ruckeln, aber irgendwas stimmt nicht. Das wäre das Sinnbild für Stress: Denken und Handeln geraten wegen der Vielzahl an Prozessen, oder einem einzelnen fehlgeleiteten, ins Stocken.

Meditation ist für mich dann: CTRL + ALT + DEL drücken und Taskmanager aufrufen – und dann in Ruhe anschauen, was da eigentlich gerade so vor sich geht.

So, wie ich im Taskmanager sehen kann, welche Programme gerade besonders viel rumrechnen, und welche Programme überhaupt gerade laufen, sehe ich beim Meditieren, was für Gedanken mich eigentlich gerade besonders beschäftigen. Die Analogie endet hier vermutlich, denn ich kann keinen Prozess abschießen. Aber es besteht schon eine weitere Ähnlichkeit: Wenn man etwas abwartet und einfach nur beobachtet, kann man sehen, wie die meisten Programme ganz von selbst langsam Ruhe finden. Wenn man am Computer nicht mehr wild rumfurwerkt und die Programme nicht bösartig sind, werden sie irgendwann mangels Benutzereingaben wieder Resourcen freigeben. Und genau das ist, denke ich, der Effekt, den Meditieren auch haben soll.

Und bei mir hat: Wenigstens ein kleiner Teil meiner Gedanken kommt bei jeder Meditation zur Ruhe. Ich bin in jedem Fall hinterher weniger gestresst, gehetzt, beschäftigt, wie immer man es nennen will, als zuvor. Es scheint manchmal sogar, als hätte mein Körper als Ganzes wieder Zeit gefunden, sich mal wieder auf die wichtigeren Dinge zu konzentrieren: Regelmäßig stelle ich fest, dass ich nach dem Meditieren besser durchblutete, sprich: warme Hände und Füße habe, manchmal sogar das Gefühl, einen roten Kopf bekommen zu haben. Und zuvor noch verspannte Muskeln schmerzen hinterher nicht mehr so sehr.

Meditation auf diese Weise zu betrachten hat mir auch deutlich gemacht, warum es sinnvoll ist, sich beim Meditieren ausgerechnet aufs Atmen zu konzentrieren: Wir atmen ganz von allein, ganz ohne “Benutzereingaben”. Ein idealeres Objekt für die eigene Aufmerksamkeit, ohne durch die Aufmerksamkeit noch mehr Schaden anzurichten, gibt es nicht.

Wann höre ich auf zu meditieren? Irgendwann wenn ich das Gefühl habe, einen gewissen Erfolg erzielt zu haben. Idealerweise würde “Erfolg” wohl bedeuten, dass ich zu Ruhe, Entspannung und “Einheit mit meinem wahren Selbst” gefunden habe – das ist (noch?) utopisch. Ich gebe mich zufrieden, wenn ich meine, die Wogen der Gedanken hätten sich erstmal etwas geglättet.


Eine Antwort an “Über mein Meditieren”

  • Thorsten Schreibt:

    Schöner und konkreter und für mich gerade unerwarteter Einblick in das Thema! Ich glaube, ich sollte mich da auch mal mit auseinandersetzen.
    Um bei der Computer-Analogie zu bleiben: Ich werde eher von periphären Prozessen umrundet, die wie irre forken und damit den Durchblick verstopfen. Der Ansatz, abends dann nur noch die Glotze anzustarren, ist aber irgendwie sinnleer – wenngleich probates Mittel, die Prozesse zumindest temporär abzuräumen – funktioniert sofortig und auch ohne Meditation. Mein sinnleerer Kopf dringt dann aber auch nicht mehr an wichtige, verschüttete Prozesse heran.
    Ähnlich wirkt bei mir übrigens auch nächtliches Lesen von Berichten auf PRAD mit anschließendem dennoch Nichtkaufen irgendwelcher Monitore.
    Meditieren… hmmm… jepp!

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