Feb 14 2010

Worte zum Sonntag (#16)

Hier wieder die sonntägliche Liste der Artikel, die ich vergangene Woche lesenswert fand:


Feb 10 2010

Beinstellen, Naseziehen

Seit Anfang vergangener Woche schweige ich schon wieder zu meinem Zustand, tut mir leid. Ich habe die Abende teilweise schlicht versucht, Abstand zu gewinnen – wenn es gelang mittels Meditation, oder einfach nur durch Ablenkung. Man könnte sagen, mir fehlten die Worte.

Die habe ich heute im Gespräch mit meiner Therapeutin wiedergefunden. Anders als sonst: Diesmal fühlte ich mich gewissermaßen auf die Unterhaltung vorbereitet; die zahlreichen Gedankenentwürfe, die ich zu den Problemen und Gefühlen der letzten Wochen gemacht hatte, um sie in diesem Blog vielleicht zur Sprache zu bringen und anderen verständlich zu machen, waren der Ausgangspunkt für den Gedankenaustausch. Soweit, dass ich mir Antworten auf meine Fragen fast selber geben konnte.

Wozu also die Therapeutin?

Ich jedenfalls kann mich selbst ganz schlecht eines Besseren belehren. Meine Überlegungen beginnen stets, sich in Selbstreferenzen zu verlaufen und in Kreisen um den immer gleichen blinden Fleck zu drehen. Ich brauche jemanden, der meinen Gedanken ein Bein stellt, damit sie nach dem Sturz vielleicht den richtigen oder zumindest einen neuen Weg einschlagen.

Es ist ein wenig wie das, was ich von Zen zu wissen glaube – was, wenn es überhaupt stimmt, nicht allzu viel ist. Es ist eigentlich nur das, was mein Gehirn im Laufe der Jahre um die Anekdoten herum eingeordnet hat, die ich aus dem Buch Die Kunst des Wilden Denkens von Wes Nikser habe, das ich zu seiner Veröffentlichung (1992?) in die Finger bekommen habe. Mit ihren Koan scheinen mir Zen-Meister eine jahrhundertelange Erfahrung im Gedanken-Beinstellen zu haben. Ich zitiere mal eine der Anekdoten (kein Koan, glaube ich) aus dem Wilden Denken, die wiederum nach Alan WattsThe Spirit of Zen zitiert ist:

So fragte Meister Shi-kung: “Kannst du den leeren Raum ergreifen?” – “Jawohl, Herr,” erwiderte der Mönch. “Zeige mir, wie du das machst.” Der Mönch machte mit seiner Hand eine zupackende Bewegung in der Luft, aber Shi-kung rief: “Auf solche Weise? Doch bei alledem hast du nichts erwischt.” Deswegen fragte der Mönch: “Wie macht ihr es denn?” Jählings faßte Shi-kung den Mönch bei der Nase und, indem er kräftig daran zog, rief er aus: “So macht man’s, den leeren Raum fest in die Hand zu kriegen!”

Manchmal habe ich das Gefühl, das Leben spielt mir den Zen-Meister: Es stellt mir Fragen, ich antworte unüberlegt, und dann werde ich plötzlich übel an der Nase gezogen. Oder das Schicksal stellt mir mal wieder ein Bein, so dass ich heftig auf die Fresse falle. Damit ich danach vielleicht den richtigen Weg einschlage?

Apropos Leben und Weg – Alan Watts hat am Ende des folgenden von den South Park-Machern animierten Stücks auch dazu etwas zu sagen:

(Den Teil, den ich meine, gibt es bei YouTube auch nicht-einbindbar separat anzusehen – der Beschreibungstext dazu gibt übrigens etwas Hintergrundinfo dazu, wie ausgerechnet die Köpfe hinter South Park dazu kamen, Reden von Alan Watts zu illustrieren.)


Feb 7 2010

Worte zum Sonntag (#15)

Die Frage der Woche lautete: Macht Internet depressiv?

So nämlich kolportierte die Zeitschrift Men’s Health eine in der Fachzeitschrift Psychopathology veröffentlichte Studie der University of Leeds. Mit der Veröffentlichung ging eine Pressenachricht einher, die – pardon, wenn ich übertreiben sollte, aber mich regt sowas auf… – einer Universität unwürdig ist: Excessive internet use is linked to depression heisst es schon im Titel falsch, denn das is täuscht ein Fakt vor, dass die Studie gar nicht liefert. Was aber so schlimm ist: Im weiteren Text wird exzessive Internetnutzung mit Suizidalität in Verbindung gebracht – worum es in der Studie offenbar ebenfalls nicht ging. Der ganze Artikel macht die Untersuchung bedeutender, als sie ist. Das sollte er wohl auch, und mit Erfolg, wie es scheint: Ich fand die Pressenachricht (sicherlich auch dank der Presseagentur Reuters) in zahlreichen Artikeln aus der ganzen Welt wieder.

Wie man am Übelsten auf diesen Hype aufspringen kann, zeigt der Focus: Internet-Junkies haben häufig Depressionen. Aber selbst das Ärzteblatt titelt voreilig: Internet-Süchtige häufig depressiv (schränkt diese Behauptung aber im Text wieder ein).

Wie man verantwortungsvoll(er), nämlich kritischer, mit solchen Nachrichten umgeht, zeigt schön der britische Guardian, vom fachlich korrekten Titel bis hin zur Aufbereitung des Inhalts für die nicht-fachkundigen Leser:
Internet overuse linked to depression, but questions remain
.

Der Guardian erwähnt auch den Knackpunkt: “‘internet addiction’ is not a medically defined term.” Es geht um die äußerst umstrittene Frage, ob es das Krankheitsbild Internetabhängigkeit (Internet Addiction Disorder (IAD)) überhaupt gibt.

Spannend deshalb, dass Telepolis unter dem (schön neutralen) Titel Exzessive Internetnutzung und Depression aus den Zahlen fast den allen anderen Berichten zuwiderlaufenden Schluss zieht: “Die Zahl der Menschen, die Anzeichen von Internetsucht zeigt, scheint [...] doch nicht so hoch zu sein, wie von manchen beschworen wird.”

Das findet auch Golem.de, das die Nachricht und ihren inhaltlichen Gehalt meiner bescheidenen Meinung nach am Treffendsten zusammengefasst hat: Depressive surfen auch im Web.

Nachtrag: Psychology Today, U.S.-Website zu psychologischen Themen, nimmt sich in dem Artikel
Media hype overstates link between depression and the Internet
heute des Themas auch nochmal kritisch an. (Und wer meint, die noch altmodisch mit Papier arbeitende Presse sei besser, wird dort in einem anderen Artikel auch gleich eines Besseren(?) belehrt: British Newspapers Make Things Up…)


So, und jetzt noch anderes, was mir diese Woche im Internet(!) begegnet ist:

Schönen Sonntag und eine gute Woche! (Aber nicht so viel im Internet surfen! Man kann ja nie wissen… ;-)


Feb 1 2010

NSFW?

Ich weiss nicht mehr, welche Wirkung es hat, wenn ich hier schreibe – wenn ich hier schreibe, dass es mir zur Zeit nicht mehr gut geht. Ich habe Angst, es auszusprechen (meinem Vater gegenüber, am Telefon gestern), eigentlich habe ich Angst, es mir selbst einzugestehen. Aber am meisten Sorgen mache ich mir, wie Freunde, Arbeitskollegen… reagieren. Wir müssen ja nun wieder acht Stunden am Tag fünf Tage die Woche miteinander auskommen – möglichst ohne betretenes Schweigen…

Aber wie könnte ich dies ein Blog über das Leben mit Depression schimpfen, wenn ich beginne, die schlechten Tage auszublenden. Wem soll ich etwas vormachen? Oder vielmehr: Darf ich irgendjemandem vorlügen, der Wiedereinstieg in den Beruf nach einem guten halben Jahr Ausfall wegen einer schweren depressiven Episode sei klaglos und ohne Tiefen oder Schwächen zu bewältigen?

Keine unbegründete Sorge um mich, bitte. Ich bin noch weit von richtig schlecht entfernt.

Ich kann außerdem noch lächeln, wenn mir einfällt, dass ich vielleicht noch diesen Link hier für meinen Vater hinzufügen sollte.

Es ist aber … anstrengend. Ich muss aufpassen. Und nicht zuzugeben, dass es so ist, macht es mir offensichtlich noch schwerer. Also…

Ich habe nächsten Dienstag einen Termin bei meiner Therapeutin.