Wie erwartet
Nachdem mein Vater nun abgereist ist und ich gestern die letzten “Pflichtaufgaben” abgehakt habe, fühle ich mich nach den ersten Fehlschlägen bei der Suche nach einem Therapeuten als wäre ich gegen eine Wand aus Hoffnungslosigkeit gelaufen und in eine Art Schockstarre verfallen. Man kann das auch Depression nennen.
Die letzten Male hatte ich bei der Therapeutensuche auf dubios zustandegekommene kopierte Listen einer Klinik oder eines Beraters zurückgreifen müssen, oder einfach das Branchenbuch rauf- und runtertelefoniert. Diesmal habe ich von meiner Therapeutin eine vermeindliche “Abkürzung” erhalten, die mir bei der Suche nach einem Therapieplatz helfen sollte: Als ersten Anlaufpunkt könne ich mich an das Michael Balint Institut wenden.
Tatsächlich bietet das Institut eine Ambulanz, die einen “bei entsprechender Indikation” an niedergelassene Therapeuten weitervermittle. Allerdings erfahre ich am Telefon, dass sie dies nur bei noch nicht diagnostizierten Fällen anbieten. Da ich ja diagnostiziert sei, könne man mir nicht direkt helfen.
Ich wende mich also vorsichtig per E-Mail-Anfrage an meine Krankenkasse. Überraschend bekomme ich anderthalb Stunden später einen Rückruf eines Beraters, der mir mitteilt, mir keine Therapeutenliste geben zu können, ich solle mich aber an den Psychotherapeutischen Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg wenden. (Übrigens auch zu finden im “Kleingedruckten” der Patientenberatung Hamburg.) Diese hätte sogar eine Liste der als frei gemeldeten Therapieplätze.
Das ist aber nicht so einfach, wie es sich anhört: Das ist kein 24-Stunden-Notfalldienst, auch keine “Hotline”. Wochentags theoretisch zwischen 13-15 Uhr und 19-20 Uhr erreichbar, muss ich schätzungsweise drei Stunden lang an zwei Tagen dutzendweise Anrufversuche unternehmen, weil durchgängig besetzt ist. Um das noch unangenehmer zu machen, als es ohnehin schon ist, äußert sich das Belegtsein erst nach zwei Mal normalem Klingeln, erst dann wird man aus der freien Leitung geschmissen.
Als ich durchkomme, berät mich immerhin eine Ärztin vom Fach, die freundlich und offenbar kompetent Fragen stellt, um auch sicherzustellen, dass meine Therapeutensuche nicht “ziellos” ist sondern tatsächlich eine Indikation vorliegt. Dann gibt sie mir die Adressen von Psychoanalytikern, die freie Therapieplätze gemeldet hätten: ganze drei Stück! Und davon muss ich zwei gleich wieder streichen: Einer der drei bietet lediglich tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie an, keine Psychoanalyse; das ist nicht nur etwas anderes, es ist auch kaum zu erwarten, dass mir ein Wechsel in diese Therapieform von der Krankenkasse anerkannt wird. Eine zweite Adresse liegt am südlichen Ende von Harburg, schon von zuhause mindestens eine halbe Stunde mit dem Auto entfernt – von der Arbeit aus praktisch nicht zu machen. Es bleibt ein (ein!) freier Therapieplatz bei einem Psychoanalytiker.
Man kann sich ausrechnen, wie die Chancen stehen, dass ausgerechnet bei diesem einen gleich die “Chemie” stimmt. Und was bedeutet es, dass dies der einzige ist, der nicht ausgebucht ist?!? Man kann nur hoffen, das ist ein Zufall. Nicht, dass er überhaupt erreichbar gewesen wäre: Wie ich es schon von früher kenne, man bekommt weder eine Sekretärin – die können sich offenbar Therapeuten in den seltensten Fällen (d.h. nur in Gemeinschaftspraxen) leisten – noch den Therapeut selbst an die Strippe. Außer in den großzügig berechneten Telefonsprechstunden natürlich: Di und Do von 11 bis 11:30 Uhr.
Kurz: Ich werde doch wieder Telefonlisten nach dem Zufallsprinzip durchklingeln müssen. Nur dass ich diesmal schon weiss, dass ich dann keinen freien Therapieplatz bekomme, sondern mich um einen Platz auf einer Warteliste bewerbe. Das bedeutet konkret – so erinnere ich es vom letzten Mal: anrufen, auf Band sprechen oder zur Sprechzeit wiederholen; anfragen, ob überhaupt noch Patienten in die Warteliste genommen werden; wenn ja, einen – vermutlich in einiger Ferne liegenden – Erstgesprächstermin zur Feststellung der gegenseitigen Verträglichkeit ausmachen; um dann ggf. auf einer Warteliste zu landen. Zur Wartezeit habe ich von vor dreieinhalb Jahren, meiner ersten Therapeutensuche, noch Aussagen wie “in einem dreiviertel Jahr” oder “nächstes Jahr” im Ohr…
Und das ist dann keine “Intervention”, keine konkrete Unterstützung bei irgendetwas, das ich aktuell irgendwie auf die Reihe bringen muss. Ein von der Krankenkasse hinzugebetener unabhängiger Berater (eine Art Case Manager) meinte sogar einmal, eine Psychoanalyse solle ich besser überhaupt erst angehen, wenn ich wieder fest mit beiden Beinen im Leben stünde – also wenn es mir schon (ganz) gut geht. Eigentlich ist das also gar nicht das, was ich mir jetzt gerade an Unterstützung erhoffe. Genau genommen ist es nichts Weiteres als das immer gleiche Versprechen, dass am Ende des Tunnels irgendwo ein Licht sei – aber jetzt solle ich erstmal bitte weiter im Dunkel des Tunnels vorwärtskriechen.
Niemand kann mir sagen, woher ich die Kraft dazu nehmen soll. Mein Beruf gibt sie mir jedenfalls nicht, soviel habe ich feststellen müssen. Mein Privatleben auch nicht – ich habe keins mehr. Wegen der Depressionen, wegen meines mich Abschottens. Ich sage ja heute schon wieder eine Verabredung ab, weil ich mich selbst nicht im Spiegel anschauen kann.
Aber was habe ich erwartet? Die Welt ändert sich nunmal nicht nicht so einfach nicht so schnell. Das einzige, das ich ändern kann können sollte, wäre ich selbst. Aber was erwarte ich von mir?
März 20th, 2010, 20:49 Uhr
I’m so sorry – this sucks serious monkey ass… (if you’ll pardon my French…) Formalities, bureaucracy – and in the meantime the patient is left in the cold.
Gah, it makes ME frustrated – I can only imagine how you must feel about it. Just the decision to go in this direction is a big step – and now this anticlimax… I hope things will work out somehow, and that your energy will rise again… Hang in there, ok?
März 21st, 2010, 0:05 Uhr
If what I wrote sounded like enthusiasm – it probably never was. Just as the title says: I wasn’t expecting anything else.
But I have been writing this exactly for describing what the procedure is like for someone suffering from depression being sent out by some psychiatrist or regular doctor on the quest for a therapy. It’s a completely ridiculous and hopeless endeavor, since a) you have no idea what exactly you are looking for, b) how and where to look for it and c) you will probably have no choice after all since there are too few therapists anyway. So you settle with the first opportunity which seems to promise some sort of therapeutic help.
And, just in case my therapist is reading this – she sometimes does, obviously – my therapy was really ok and often helping me getting a hold of myself and my situation, and all in all teaching me about how to better cope with my problems. But this form of therapy hasn’t killed the roots of my problems, obviously. I am still looking for someone or something to “uproot” my mind, my heart, my soul…
Oh, I’m beginning to get cheesy, it seems… It’s getting late.
Thank you for your support!