Weiterstolpern

Freunde und ein Berater der Krankenkasse haben mich auf die Ambulanz des Universitätsklinikum Hamburg aufmerksam gemacht, bei der ich mich heute vorgestellt habe. Das ca. dreiviertelstündige Gespräch mit einem Psychiater der Ambulanz hat mich an einigen Stellen gewissermaßen vor den Kopf gestoßen. Ich schaffe es heute nicht mehr, die Dinge in irgendeinen sinnigen Textfluß zu zwingen, deshalb greife ich wieder zu Stichpunkten:

  • Meine Medikation hat er als sinnvoll bestätigt, das Valdoxan als gutes Medikament bezeichnet. Allerdings sei meine bisherige 25mg-Dosierung nur für schwache Depressionen sinnvoll. Ich soll sie ab heute Abend auf 50mg erhöhen.
  • Er sieht natürlich die Notwendigkeit, einen festen Psychiater zu haben, aber hat mir alle Hoffnungen genommen, dass er mir viel weiterhelfen wird: Bis auf das Erstgespräch stünden Psychiatern für Folgegespräche tatsächlich lediglich zehn Minuten zur Verfügung. Mehr als um die Kontrolle der Medikation könne es nicht gehen.
  • Die aktuellen Wartezeiten für einen Therapieplatz hat er auf drei bis sechs Monate beziffert.
  • Für mich hielt er einen (Tages-)klinischen Aufenthalt für sinnvoll, mit tiefenpsychologischem Ansatz möglichst. Ich habe mich heute schon an den Ginsterhof gewandt. Wartezeiten sieht er aber auch bei mehreren Monaten – ich erinnere mich an 2006, da war es auch über ein Vierteljahr.

Ich merke erst jetzt gegen Abend, was die Schlussfolgerungen aus diesem Gespräch für eine Wirkung auf mich gehabt haben: Dass ich nämlich weitermachen muss wie bisher, ohne Anhaltspunkte Therapeuten durchtelefonieren, und schließlich nur noch warten, bis irgend jemand Zeit hat, mir richtig zuzuhören.

Und ich kann nicht arbeiten gehen. Ich dachte, es geht mir besser, aber ich musste heute beobachten, wie mir schon die erste nichtalltägliche Aufgabe in kürzester Zeit über den Kopf steigt – und mich auf völlig irrationale Weise zu überwältigen droht. Das einzige, was ich zur Zeit will und kann ist diese angestaute Hoffnungslosigkeit rausschreien, die sich in mir breit macht, aber es bleibt noch immer nur ein stummer Schrei.

Ich habe Angst. Ich habe Menschen kennengelernt, die den Weg nicht geschafft haben, die von Klinikaufenthalt zu Klinikaufenthalt gepilgert sind… Ich will das nicht. Ich kann doch (meistens) noch klar denken. Ich habe es schonmal geschafft, ich kann ein gutes, spannendes, ereignisreiches Leben leben. Verdammt, ich will mein Leben zurück!


4 Antworten an “Weiterstolpern”

  • psychoMUELL Schreibt:

    Seltsam, in so einer großen Stadt sollte man doch einen Psychiater auftreiben können.

    Hier noch einige Tipps, die vielleicht etwas helfen können:

    Jede große Stadt hat ein Sozialpsychiatrisches Zentrum, die bieten auch Gespräche an und können ggf. weiter helfen. Meist haben die dort auch Treffen oder Gruppenangebote für psychisch Kranke.

    • Selbsthilfegruppe

    Eine so große Stadt hat wohl auch mehrere Tageskliniken?! Ich selber würde ja zuerst stationär gehen.

  • Philipp Schreibt:

    Es gibt hier Psychiater wie Sand am Meer, die Frage ist nur wo und wann und ob sie etwas taugen.

    Es macht keinen Sinn, für Zehn-Minuten-Termine Fahrten über eine halbe Stunde in Kauf zu nehmen; Wartezeiten auf Erstgespräche liegen bei drei bis sechs Wochen, wenn überhaupt neue Patienten aufgenommen werden; dann fallen die noch aus, die sich bei Erstgespräch selbst disqualifizieren…

    Es fehlt mir ja nicht direkt an ersten Ansprechpartnern: Wie ich berichtet hatte, Eilbek und das Uniklinikum haben mir kurzfristig Gespräche und Unterstützung gegeben. Selbsthilfegruppen habe ich auch irgendwie auf der Liste, aber ich habe damit so meine Schwierigkeiten schon in der Vergangenheit gehabt und schiebe die Möglichkeit vor mir her – ich weiss nicht, wie mir diese Art Gruppendynamik im Moment helfen können soll…

    Ich wende mich auch noch an die Tagesklinik, an der ich schon einmal war. Ansonsten gibt es noch weitere, das sind aber diejenigen, die mir wieder empfohlen wurden – was immer diese Empfehlung letztendlich wert sein mag.

  • psychoMUELL Schreibt:

    Bei einem Psychiater wirst du nicht lange Gespräche bekommen, außer du machst bei ihm eine Psychotherapie.

  • Philipp Schreibt:

    Ja, eigentlich hätte das wissen müssen. In der Deutlichkeit hat es mir merkwürdigerweise aber nie deutlich gemacht. Ich hadere einfach mit dem System als Ganzem, den unverantwortlich verteilten Verantwortlichkeiten, die den Betroffenen zeitweise so im Regen stehen lassen.

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