Über “Morgen”

Vorgestern habe ich über Morgen geschrieben. Obwohl ich weiss, dass mir das Thema Angst macht, kann ich die Frage nicht ruhen lassen: Wie soll es weitergehen?

Vor etwas über einer Woche war ich auf eine schöne Rede von Adam Savage (der eine der MythBusters ) aufmerksam geworden. Hier ist der Absatz, der mir nicht aus dem Kopf geht:

See, I order my life by the same mechanism that I use to build things. I cannot proceed to move tools around in the real world until my brain has a clear picture in it of what I’m building. The same goes for my life. I’ve tried to pay attention. I’ve tried to picture the way I want things to be, and I’ve noticed that when I had a clear picture, things often turned out the way I wanted them to.

Mein Versuch einer sinngemäßen Übersetzung: Sehen Sie, ich regle mein Leben nach demselben Prinzip, nach dem ich Dinge zusammenbaue. Ich kann nicht anfangen, in der echten Welt nach Werkzeugen zu greifen, bevor mein Gehirn sich nicht eine klares Bild davon gemacht hat, was ich da gerade baue. Dasselbe gilt für mein Leben. Ich habe immer versucht, aufmerksam zu sein. Ich habe versucht mir vorzustellen, wie ich alles haben wollte, und habe festgestellt, wenn ich davon eine klare Vorstellung hatte, entwickelten sich die Dinge oft auch so, wie ich sie haben wollte.

Als ich das las, sagte ich mir sofort: “Genau das fehlt Dir – eine klare Vorstellung davon, wie Dein Leben eigentlich aussehen soll.” Seitdem grüble ich darüber nach, wie das kommt.

Wenn ich an “Morgen” denke, um das Stichwort wieder aufzugreifen, dann habe ich eben nicht ein (Ideal-)Bild vor Augen, wie ich mir mein Leben ausmale. Wenn ich versuche, in der Zeit nach vorne zu sehen, dann sehe ich einen Horrorfilm. Was ich da im Dunklen ausmache sind nur Gefahren und Bedrohungen. Wenn ich Pläne mache, dann um alles zu tun, dass diese düsteren Visionen nie eintreten können. Meine Zukunftsplanung besteht darin, etwas gegen eine mögliche, schreckliche Zukunft zu unternehmen – ich möchte fast hinzufügen: egal was – nicht etwa, etwas für meine Zukunft zu tun.

Die grausige Ironie daran wird mir gerade erst bewusst: Meine diffusen Ängste, mit denen ich so langsam über die Therapien vertraut geworden bin, stammen ja alle von früheren Erfahrungen, aus meiner Kindheit, Jugend, Studienzeit. Wenn ich also wie noch eben glaubte, ich hätte Angst vor der Zukunft gehabt, habe ich in Wirklichkeit durch einen dunklen Spiegel in die Vergangenheit geschaut.

Um die Metaphorik des Bastlers Adam Savage zu verwenden: Ich habe jahrelang an meinem Leben rumgewerkelt, ohne zu wissen, was ich da zusammenbaue. Treibende Kraft dafür war meine Angst. Wegen all des blinden Rumfuhrwerkens habe ich ganz vergessen darauf zu achten, wozu das alles dient. Jetzt blicke ich auf ein unförmiges Etwas, mein Leben, ein Verteidigungsbollwerk gegen eine Zukunft, die eigentlich meine (und nicht zu vergessen: anderer) Menschen Vergangenheit ist. Eine seelenlose Festung, die kaum zu etwas zu gebrauchen ist. Es macht mich (und andere) jedenfalls nicht glücklich. Offensichtlich macht es mich krank. Es ist ein Leben ohne Zukunft.

Es wird Zeit, mir eine zu schaffen.


Eine Antwort an “Über “Morgen””

  • Jenny Schreibt:

    Hm. Wise words. I’m not sure it’s much of a consolation – but I think this is quite common. Bits of the parts take up so much room in one’s mind, one thinks those bits are still all there is. It’s like shooting photographs with a wide-angle lens – perspectives are scewed and if there’s a big nose in the middle of the picture, it’s hard to really get a good look at what lies beneath it. (Sorry – silly metaphore again… Told ya, they’re my specialty!)

    It’s either quite common, or we’re at least two making this mistake. I shall have to ponder these words a bit more, methinks… Thanks for writing this post – gave me lots to think about.

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