Lebenszeitprävalenz
Dies ist heute auf gewisse Art einer dieser gefährlichen Tage. Diese alltäglich Scheinenden, an denen nichts Spezifisches zu tun ist, keine Aufgabe erledigt werden muss und nichts passiert, an denen ich mich nicht wirklich depressiv fühle, weil mein Zustand so sehr der – vermutlich Mis- – Stimmung so vieler vergangener Jahre gleicht, dass ich ihn schon gar nicht mehr als anormal empfinde.
Ich schlafe schlecht und zu spät. Zeichen, dass mich etwas belastet, und dass ich diese Belastung tagsüber nicht verarbeiten kann. Und dass mein Valdoxan nicht mehr dieselbe Wirkung zeigt wie anfangs, zumindest was die Einschlafwirkung betrifft.
Ich versuche, einmal am Tag aus dem Haus zu kommen für mindestens eine Stunde. Ein Spaziergang, in der Regel unter dem Vorwand, Einkaufen zu wollen. Damit das nicht zu schnell geht, verbinde ich es mit einem Mittagessen bei einem der lokalen “Teilzeitkantinen” und einem Kaffee bei meinem Lieblingsdealer. Den Rest der Zeit verbringe ich damit, vagen Gedanken von Link zu Link in meinem Browser zu folgen. Ich habe den gesamten bei Miro verfügbaren back catalogue der TED-Vorlesungen durchgesehen (ich sehe gerade, die Website hat mehr als Miro zu bieten…) und dutzende davon in voller Länge angesehen, zuletzt z.B. diesen hier von Nicholas Christakis, der mich sehr zum Nachdenken über meine Lage in den besprochenen Netzwerken brachte. (Und diesen Humorigen hier, der sich vor allem an die Eltern in meinem 1st degree Netzwerk wendet.)
Viel Zeit vergeht dann auch, wenn ich versuche, die dabei entstandenen Ideen in Verhältnis zu meinem Leben zu setzen und vielleicht aufzuschreiben. Doch daran scheitere ich ein ums andere Mal. Vielleicht sollte ich es lassen.
Ich grüble, wie ich ein virtuelles Leben neben Nullwert.de aufbauen kann, um das Gefühl zu haben, mich nicht mehr nur über diese Krankheit zu definieren. Und scheitere daran, weil ich nicht weiss, was ich eigentlich noch anderes bin – oder sein möchte…
Ich bin insgesamt schlicht nicht kreativ. Sobald ich versuche, nicht nur zu konsumieren, sondern irgendetwas weiterzuverarbeiten, renne ich wie gegen eine Wand und werfe nach kurzer Zeit die Flinte ins Korn. Ich bin ungeduldig – das war ich schon immer – aber mir fällt dann auch auf, dass mir der “Nerv” dafür fehlt, ein Gefühl für das Ergebnis: Ist das, was ich da mache, gerade gut/schlecht/schön/hässlich, oder um es ganz einfach zu halten: Gefällt mir das? Ich kann es nicht sagen, und da bin ich wieder bei den Symptomen der Depression – oder ist es gar eines der drei Cs?
Apropos Symptome: Sie sind immer noch da, das Gefährliche ist eben, dass ich sie an einem Tag wie heute oft verdränge. Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Nervosität, Unlust; alle noch da.
Deshalb halte ich auch Abstand zu anderen. Ich hasse es, das zugeben zu müssen, aber ich fühle mich klein und verletzlich, und denke ich wäre in größeren Menschengruppen schlicht überfordert.
Vielleicht wird es mir helfen, endlich eine Entscheidung treffen zu können, zu müssen, wie meine Behandlung weiter verlaufen soll. Ich habe diese Woche zwei entscheidende Termine, einmal bei der Therapeutin der Klinikambulanz und einmal bei der Psychoanalytikerin, und mein Ziel ist es, in diesen Gesprächen eine Grundlage zu schaffen, um mich zu für eine der beiden Therapieformen und Therapeutinnen entscheiden zu können. Falls mir die Psychoanalytikerin nicht die Entscheidung abnimmt, indem sie entscheidet, mich nicht ausreichend behandeln zu können – sie deutete dies immerhin schon an.
Also eigentlich warte ich nur ab. Und das ist, ich sagte es schon, gefährlich. Ich muss wieder das Gefühl bekommen, dass sich etwas bewegt – dass ich etwas bewege.
Glaube ich…
Mai 19th, 2010, 13:33 Uhr
Ich sehe mich nicht nur als die Summe meiner psychischen Krankheit, aber natürlich ist so eine Krankheit sehr dominant. Sie drückt das Lebenswerte und das Schöne in den Hintergrund.
Auf die Medikamente würde ich mich nicht so verlassen, ich bin im Laufe meiner Jahre dem gegenüber skeptischer geworden. Sie wirken oft nicht nachhaltig und der Patient verlässt sich zu sehr auf irgendwelche chemischen Stoffe und tut selbst nichts mehr. Dabei besteht ja eine Depression nicht nur aus bilologischen Faktoren, sondern die psychologischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge spielen eine große Rolle!