Depression : Deutschland 0:4
Der Titel ist gelogen. Außerordentlich sogar. Wirklich geändert hat sich an meiner Stimmung nur wenig, aber der Titel schreibt sich selber, um 18:03 nach einem 4:0-Sieg der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Argentinien, wenn man vorhat, über das das Erleben eines außergewöhnlichen Fußballspiels mit einer halb ausgewachsenen Depression zu schreiben.
Wie ist es also, depressiv den Fernseher anzuschalten, um pflichtgemäß das entscheidende Spiel der zufällig eigenen Nationalität zugehörigen Fußballmannschaft zu verfolgen?
Es beginnt schon vor Beginn des Spiels, natürlich. Ich war wie sicher Abertausendemillionen verabredet zum gemeinsamen WM-Gucken bei Freunden. Doch schon das Aufstehen fällt schwer. Keine Erinnerung an Träume, aber schon der erste Versuch, die Augen zu öffnen, ist Arbeit statt Vergnügen. Ab hier ist alles weitere ebenfalls nur noch Selbstüberwindung. Ich versuche mich selbst zu beruhigen: Der Tag beginnt erst. (Es ist 11 Uhr.)
Ich verbringe fast eine Stunde vor dem Spiegel. Ich wechsle Klamotten, als könnten sie verbergen, was ich im Spiegel sehe: ein Wrack, ein Skelett, ein Das-bin-nicht-ich. Der Verstand funktioniert noch so halb, und ich überrede mich selbst, es gut sein zu lassen. Einkaufen, es ist Wochenende, und eigentlich willst du bei und mit Freunden Grillen und Fußball Gucken. Aber schon jetzt ist mir eigentlich klar: Soweit werde ich es nicht schaffen. Nicht heute. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt, so sagt man doch. Ich sage mir: Wenn du hier rausgehst, Einkaufen, dann geht es später vielleicht weiter. Warte ab. Don’t Panic erinnert mich das Hintergrundbild des iPad.
Aber was zählt ist aufm Platz, und vor der Tür stellt sich nur noch Scham und Ekel ein (vor mir selbst?). Und diese seltsame Form von Verzweiflung, die einen 37-jährigen Single mich befällt, wenn ich an einem heißen Tag leichtbekleidete schöne (und weniger schöne) Frauen und – noch schlimmer – ihre bizarren Begleiter ertragen muss. Was macht mich zu diesem unerträglichen Einzelgänger? Aber die Fragen ersticken unter dem Problem der Ernährung: Ich sollte etwas essen, um 12 Uhr, so ganz ohne Frühstück. Aber Appetit stellt sich nicht ein. Die Entscheidung fällt also aus, sagen wir, ästhetischen Gründen: Hier (oder dort) ertrage ich es nicht, eine Viertelstunde vor mich hinzuessen – also lasse ich es sein.
Wieder im sicheren Zuhause angelangt, steht eigentlich fest, was ich mir nicht eingestehen will: Heute Depression, kein Ertragen. Kein public viewing, keine Freunde, keine Anderen. Ich rufe niemanden an – ich kann meine Stimme nicht ausstehen an diesen Tagen – ich schreibe eine SMS und sage ab.
Warum schalte ich das Spiel dann überhaupt noch an? Bin ich Fußballfan? Fan Deutschlands?!? Das weise ich weit von mir. Ich? Selbsterklärter Anti-Nationalist, einer der Deutschen, die sich in Zeitungsartikeln wiederfinden als… Scheisse, mir fällt das Wort nicht ein.
Und gerade votieren beim ZDF 52% der Deutschen für “Adler” als Namen für diese Nationalmannschaft…
Aber ich bin für die deutsche Nationalmannschaft, beim Anstoß, und während des weiteren Spiels, und bevor ich weiß, dass sie nach der dritten Minute in Führung liegen würden. Ich bin für sie, so wie ich aus mindestens ebenso unreflektierten Gründen für Joachim Gauck bei der Präsidentenwahl gewesen bin. Und, das ist das Absurde, genauso wie ich die Nichtwahl Gaucks als persönliche Beleidigung empfunden habe, den Schwachsinn der Linken als Beweis für die impotente Schwanzvergleichsmentalität der Politik schlechthin, wusste ich bei Anstoß, dass eine Niederlage des deutschen Teams für mich ein triftiger Grund wäre, weiter in meine Depression zu sinken…
Ich schalte also das Spiel ein, auf dem Bett halb liegend, halb sitzend, mit dem Gefühl, mich trennen von Bildschirm, Spiel und Emotionen nicht nur zweieinhalb Meter Luft, sondern mindestens fünf Meter psychoaktivem Isolierschaums.
Wie gesagt: Warum schalte ich überhaupt ein? Offenbar will ich doch irgendwie teilhaben: Wenn ich schon nicht anwesend bin, lasst mich – später, irgendwann – wenigstens mitreden. Und, ebenfalls wie gesagt, ich bin für die Mannschaft, warum auch immer. Und, das begreife ich bis jetzt nicht, es überspielt meine Depression: Ich sehe mir das an, trotz der Sinnlosigkeit aller anderen Dinge, aller anderen Tätigkeiten: Essen – egal; Fernsehen – ok.
Wenigstens, und das ist wohl der Sinn hinter meinem Rückzug: Es sieht mich keiner. Ich muss mich nur selbst ertragen.
Ich “ertrage” also die ersten zwei Minuten des Spiels. Ungerührt bis auf die unangenehme Vorahnung, möglicherweise Hoffnung, dass mich ein unerträgliches, zähes Spiel erwarten würde. In Vorahnung – oder ist es schon Angst? – dass sich die Welt (in diesem Fall schlicht 22 Feldspieler plus 3 Schiedsrichter) gegen mich verschören würden, ziehe ich mich auch gleich zurück. Engagiere Dich nicht, sagt zu gleichen Teilen der Schwarze Schatten, wie ich meine Depression nenne – aber eben auch der Rest Bewusstsein.
An dieser Stelle geben die Batterien meiner kabellosen Tastatur auf, die Wirkung des während des Spiels getrunkenen Biers setzt ein und wenig später beginnt das Spanien-Spiel. Wir bitten, die kurze Unterbrechung zu entschuldigen.
Die dritte Minute. Meine Reaktion: Jubel – glaube ich; ich denke, ich habe gelächelt – ob nun über das Freistoßtor, oder über die aus dem Hinterhof schallende Reaktion der Nachbarn darauf? Woher kam das? Derselbe, der Menschen und Welt kaum ertragen konnte… Also ich sitze in diesem Moment in meinem Zimmer und freue mich – anscheinend ehrlich, für einen Augenblick nur, aber immerhin – über etwas völlig außer meiner Macht Liegendes. Über etwas, ganz ehrlich, Unsinniges, Unbedeutendes.
Und dann wehrt sich der Schatten. Aus Euphorie macht er schlicht Erleichterung – darüber, dass “Das Schicksal” mir das Leben nicht weiter erschwert. Und dann das Bewusstsein darüber, wie schwachsinnig dieser Gedanke ist, er setzt fast ebenso direkt ein. Und ich sinke in meine Kissen und ziehe mich hinter meine Isolierschicht zurück. “Mitfiebern”, sagt man, aber in meinem Zustand führt es immer wieder in ein unterkühltes Koma. Freude, Spannung, mit dem Herzen dabei sein… das ist anders. Das bin nicht ich, heute.
Und doch rüttelt das Spiel immer wieder an mir. Wie meinte meine Therapeutin noch: Die Reaktion setzt immer vor dem Bewusstsein ein? Und so hinkt meine Depression bei jedem weiteren Tor immer wieder irgend einem spontanen Impuls hinterher, grätscht immer wieder einen Moment zu spät von hinten in die irrationale Freude – holt sie dann aber damit doch von den Beinen.
Trotzdem 0:4 am Ende. Irgendwie.
Leben ist anders. Dort schießt nicht alle halbe Stunde jemand ein Tor für mich – das muss ich schon selber tun. Das Bewusstsein dafür setzt ein, nachdem die Klänge der Vuvuzelas der feiernden Nachbarn verstummen. Dann bin ich wieder alleine, und vom Spiel bleibt nur die Idee, dass ich meiner Verwunderung über mich selbst, über dieses unbegreifbare Ringen um selbst die sinnfreiesten Freuden, Raum schaffen muss. Schreiben.
Schuss.
Abpfiff. Feierabend.
Juli 4th, 2010, 10:10 Uhr
(I made it through, yay! ;-) )
Well, what I wrote last night about this post – before I had even finished translating it (there’s a lot in here that defies my linguistic skills, but… I get the picture, at least…) still holds true – it makes me sad for you. Not that I pity you, because I don’t believe in pity – I can’t think of anything as passifying as pity, not to mention degrading. So there will be none of that. But it’s insanely frustrating to know this “awesome bloke” ;-) and have him not realising that himself – despite being a reasonably clever awesome bloke… Gah! But it makes me sad, not least because it seems so obvious that you’re beyond general chemistry of the brain, signal substances and neuro-transmittors… This is something else, and there are no shortcuts from where you stand. You need to get to where you can believe in yourself, and not speak so degrading of yourself – shrug at the others and just be yourself.
Which, I might add, isn’t a bad thing at all.