Herr Bob Woodward ist nicht einfach irgendwer. Er ist (indirekt – wegen Robert Redfords Darstellung) mit “schuld” daran, dass ich zu Ende meiner Schulzeit überzeugt war, Journalist werden zu müssen. Wenn er etwas schreibt, dürften wie ich viele geneigt sein, dem fast blind zu vertrauen.
In seinem neuen Buch berichtet er nun, der US-Geheimdienst habe Aufzeichnungen, Hamid Karzai nehme Medikamente gegen manische Depression. So berichtete es unter anderem der britische Telegraph. Ich zitiere:
It cites claim from American intelligence reports that Mr Karzai was diagnosed as manic depressive.
“He’s on his meds, he’s off his meds,” Karl Eikenberry, US ambassador to Kabul, is quoted as saying in the book, according to the Washington Post. (Es wird die Behauptung aus Berichten des amerikanischen Geheimdienstes widergegeben, Herr Karzai sei als manisch-depressiv diagnostiziert worden. “Mal nimmt er seine Medikamente, mal nimmt er sie nicht”, wird Karl Eikenberry, US-Botschafter in Kabul, zitiert.)
Karsai weist Berichte über angebliche Depressions-Erkrankung zurück, so in der Folge der Stern. Natürlich, was soll er sonst tun. Aber wird ihm noch jemand glauben?
Das Problem ist dabei nicht der Vorwurf der Krankheit selbst, sondern die daraus abgeleitete Interpretation seines (bisherigen und zukünftigen) Verhaltens. Auftritte, Reden, konkrete Entscheidungen, die bisher mit polititschen Interessen erklärt wurden, sind jetzt nur noch Ausdruck einer “Laune” – Symptom seiner Krankheit. Den zukünftigen Handlungen Karzais wird damit nahezu jedes Gewicht genommen. Kein Wunder, dass Karzai das dementieren lassen muss. Aber das wird nichts ändern können: Karzais Verhalten ist damit praktisch dauerhaft pathologisiert.
Mr Karzai’s mercurial moods have often exasperated his international backers. (Herr Karzais starke Stimmungsschwankungen haben oft seine internationalen Unterstützer zur Verzweiflung gebracht.)
So der Telegraph weiter. Das wäre mit der Diagnose dann ja erklärt.
Diese Nachricht folgt zeitlich einem Studienergebnis, das ich nicht weiter beachtet hatte, das sinngemäß besagte, dass in den USA Medizinstudenten, die unter Depression litten, besonders unter der mit der Krankheit verbundenen Stigmatisierung litten. Mein erster Gedanke war: “Natürlich. Denen wird auch klar sein, dass sich niemand von einem depressiven Arzt behandeln lassen will.” Wer will eine schwerwiegende Behandlungsentscheidung – womöglich über Leben und Tod – in die Hände eines Depressiven legen? Auch Politiker wie Karzai entscheiden über Leben und Tod. Darf man diese Macht einem “instabilen Geist” überlassen? Vermutlich genausowenig, wie man sein Kind einem depressiven Chirurgen anvertrauen würde. Oder wie ist es mit einflussreichen Geschäftsleuten? Sie entscheiden über Abertausende, und zwar im Zweifelsfall nicht “nur” Dollars/Euro/… sondern mittelbar auch über ebensoviele Schicksale von Arbeitnehmern oder von Hausbesitzern auf der ganzen Welt.
Diese Befürchtungen ändern sich nur wenig, wenn man den Maßstab ändert: Gestern in der Fernsehserie Lie to Me gab es eine Mitarbeiterin eines Blutkonservendienstes, die dazu befragt wurde, ob es in ihrer Schicht Unregelmäßigkeiten gegeben hätte, nachdem verunreinigte Konserven zu Todesfällen geführt hatten. Die Befragung ergab, dass die Frau unter Schlafstörungen, Stress und familiären Problemen gelitten hatte – typische Symptome einer Depression – und deshalb(!) ein paar Tests an den Konserven übergangen hatte. Sie hätte – zumindest in dem Zustand – dort nicht arbeiten dürfen, sagt man sich.
Also: Würde man sein Fußballteam einem unter Depressionen leidenden Torwart anvertrauen? Ab wieviel Millionen Euro Jahresumsatz des Vereins nicht mehr? Darf man Antidepressiva nehmen und weiterhin Rettungswagen fahren? Wie ist es mit Flugzeugpiloten? Müssen Tagesmütter über ihre Depression Auskunft geben? Krankenpfleger?
Als ich mich vor ein paar Jahren entschloss, zunächst meinen Freunden, später jedem, der ein berechtigtes Interesse zeigte, offen gegenüber meine Krankheit zu beschreiben, dann geschah das, um ihnen erklären zu können, dass einige meiner Verhaltensweisen sich aus dem Krankheitsbild ergeben. Z.B. warum ich mich manchmal unwillkürlich zurückzog und nicht meldete. Oder Konzentrations- und Erinnerungsstörungen hatte. Ich zog das der anderen Möglichkeit vor, dass sie und andere sich ihren Kram selbst zusammenzureimen beginnen. (Ich befürchtete vor allem, man könne mir irgendein Drogenproblem unterstellen.)
Mit jedem weiteren Monat stelle ich diese Entscheidung mehr in Frage. Denn erst langsam wird mir bewusst, was das Wort Stigma in diesem Zusammenhang zu suchen hat. Wie weit vertraut man mir noch, wenn man weiss, dass ich Antidepressiva nehme?
Und ich kann es eigentlich niemandem übel nehmen. Ich weiss, wie ich selbst im ersten Moment auf ein paar der obigen Fragen antworten würde. Erst seit ich selbst zum Objekt solcher Fragen geworden bin, sehe ich langsam was es bedeutet, unter dem ständigen Verdacht zu stehen, man sei nicht mehr völlig Herr seiner Handlungen.
Ich habe über die letzten zwei, drei Jahre das Vertrauen daran verloren, dass andere die nötigen Überlegungen anstellen, ehe sie ihr Urteil über von Depressionen Betroffene fällen. Für Arbeitgeber, Versicherungen, Krankenkassen – und wer weiss für wen noch – bin ich zunächst ein statistisch relevanter Risikofaktor. Für andere bin ich vielleicht sogar “ein genetischer Fehler”. Welche Rolle die Umstände dabei spielen, fällt dabei in vielen Fällen völlig unter den Tisch.
Herr Karzai wird sich wehren können wie er will. Den Verdacht, dass diese oder jene Entscheidung, dieser oder jener Auftritt Folge seiner angeblichen psychischen Störung war statt die seines bewussten Handelns, wird er vermutlich nicht mehr los werden.
Ich auch nicht.
Übersetzungen der Zitate (in Klammern) von mir.