78 Wochen
Wenn man nur lange genug wartet, erledigen sich manche Dinge von selbst. Auf meiner To-Do-Liste leuchtet in drängendem Rot schon seit Wochen die Aufgabe, meine Krankenkasse anzurufen, um die verbleibende Laufzeit der Krankengeldzahlungen zu erfragen. Die mögliche Antwort erschien mir offenbar bedrohlich genug, die Aufgabe immer wieder vor mir herzuschieben. Mit Eintreffen eines gelben Briefes heute Mittag darf ich jetzt das Erledigt-Häkchen ganz ohne mein Zutun setzen.
Ich hätte ja wenigstens Spektakuläreres erwartet: Eine hübsche Agentin vielleicht, die mich unter einem Vorwand an einem öffentlichen Ort in ein Gespräch verwickelt, um mir dann vor Zeugen mit den Worten, dies Schreiben sei hiermit rechtswirksam persönlich zugestellt worden, ein Couvert in die Hand zu drücken und sich dann mit einem bösartigen Grinsen zu verabschieden. Aber das gibt es nur in US-Fernsehserien, aus denen ich solches “Wissen” bevorzugt beziehe. Die bundesdeutsche Realität ist da nüchterner: Das Schreiben fand sich schlicht im Briefkasten neben den üblichen Werbewurfsendungen. Es fiel nur auf wegen des ungewöhnlichen gelben Umschlags. Ein dadurch forcierter zweiter Blick führt zur Unterschrift des Postboten im Formfeld rechts oben, wo sich zusätzlich der bizarre Hinweis befindet “Umschlag bitte aufbewahren, siehe Rückseite!”. So etwa zu diesem Zeitpunkt setzte bei mir erste Nervosität ein: Was kann die Krankenkasse von mir wollen, das es erfordert, mich auf dem Briefrücken schriftlich darüber aufzuklären, dass mir “Mit dieser Sendung [...] in gesetzlich vorgeschriebener Form die im Umschlag enthaltenen Schriftstücke förmlich zugestellt” wurden?!?
Ich habe es eingangs vorweggenommen: Es war die Benachrichtigung, dass mein Anspruch auf Krankengeld gegen Ende November auslaufen würde.
Das ändert objektiv betrachtet zunächst einmal gar nichts, erwarten musste ich es ja schon. Aber ich bin nicht objektiv. Für mich ist der gelbe Brief die “gelbe Karte”: wenn es so weiter geht, stellt man mich endgültig vom Platz und ich muss für den Rest des Spiels von der Auswechselbank aus zusehen, wie andere die Tore schießen.
Meine Form der Torschlusspanik.
Neuer Eintrag To-Do-Liste: “Besuch Arbeitsamt Hamburg-Nord”.