Über “Nullwert”
Warum “Nullwert”?
Als Nullwert (kurz NULL, NIL oder ()) bezeichnet man in der Informatik einen Zustand, der das Fehlen eines Wertes anzeigen soll. Nach Edgar F. Codd unterscheidet man zwei Arten von NULL: die Abwesenheit eines Wertes, weil keiner existiert, oder die Abwesenheit, da man den Wert (noch) nicht kennt. Ein Nullwert steht für die Abwesenheit eines Wertes, ein Nullwert ist aber gleichzeitig ein Wert. (Wikipedia)
Ich hatte mich für Nullwert als Namen dieses Blogs entschieden, weil er ein Verweis auf meinen Beruf ist – ich bin Softwareentwickler – und, wie ich dachte, weil es ein schön ironischer Kommentar zum inhaltlichen Anspruch dieses Blogs sei. Tatsächlich glaube ich aber inzwischen, dass mir mein Unterbewusstes einen Streich gespielt hat: Nullwert ist eigentlich nahezu ein Synonym für den Zustand, den mein Bewusstsein einnimmt, wenn die Krankheit zuschlägt, unter der ich seit Langem leide, auch wenn ich mir es erst seit überschaubarer Zeit eingestehe: die Depression.
Seit Juni 2009 ist dieses Blog daher der Aufzeichnung meiner Erfahrungen im Kampf gegen und im Leben mit der Depression gewidmet.
Wie kam es dazu?
Das bedeutet nicht, dass ich erst seit Mitte ’09 an Depressionen erkrankt bin. Zum ersten Mal hatte ich mich bereits 1996 in eine ca. einjährige psychotherapeutische Behandlung gegeben, nach den ersten Semestern an der Universität. Damals wurde mir bewusst, dass ich schon zuvor immer wieder mit depressiven Symptomen gelebt hatte, sie aber als Teil meines “melancholischen” Charakters betrachtet hatte. Die Verhaltenstherapie damals schlug schnell an – leider mit der Folge, dass ich nicht die Zeit hatte (oder sie mir nicht nahm), die gelernten Lektionen wirklich zu verinnerlichen. So kam es, dass ich die folgenden Jahre wieder in dieselben zerstörerischen Denk- und Verhaltensmuster zurückfiel. Ich hatte aber nie wieder einen Zusammenbruch wie 1996, und so konnte ich mir und meiner Umwelt – Famile, Freunden, der Universität – diese Jahre über vormachen, die Situation mich noch im Griff zu haben.
Erst der Tod meiner Mutter im Januar 2005 – inzwischen hatte ich mein Studium abbrechen müssen, mir dafür aber immerhin einigermaßen erfolgreich eine “Karriere” als Softwareentwickler aufgebaut – ließ all die vergrabenen Wunden wieder aufbrechen. Ein Jahr lang versuchte ich verstärkt, meinem Leben durch berufliche Veränderungen eine neue Richtung, eigentlich sogar einen neuen Sinn zu verleihen – mit dem vollkommen gegenteiligem Effekt. 2006 musste ich das Handtuch werfen und mir eingestehen, dass ich mich, mein Leben und, wie ich nochmal neu lernen musste, meine Depression nicht mehr ohne Hilfe ertragen konnte.
Diesmal dauerte es länger, bis die Ergebnisse eines tagesklinischen Aufenthalts und einer (noch heute andauernden) Verhaltenstherapie mit Unterstützung von Antidepressiva mich wieder arbeitsfähig machten. Zwar konnte ich noch Ende 2006 wieder ins Arbeitsleben eintreten, hatte aber bis Ende 2007 immer wieder mit mir und dem Alltag zu ringen. Dann setzte ein, was eine Psychiaterin gar für eine manische Episode hielt – für mich selbst war es jedenfalls seit Jahren das erste Mal, dass ich mich glücklich und “fehlerfrei” fühlte: Eine Reihe von positiven, glücklichen Erfahrungen, Bekannt-, Freund- und Liebschaften, die mich meinen Kampf mit den Depressionen vergessen ließen. Ich glaube, ich dachte gar, die Depressionen überwunden zu haben.
Falsch gedacht. Ein Jahr später handelte und fühlte ich wieder wie zwei Jahre zuvor. Wieder griffen meine depressiven Zustände meinen Verstand so sehr an, dass mich die Arbeit zunehmend überforderte. April 2009 war dann wieder das Ende der Fahnenstange erreicht – mir war die Arbeit nicht mehr zuzumuten, meinem Arbeitgeber nicht meine krankheitsbedingte Unzuverlässigkeit.
Wieso ein Blog?
Die Erfahrungen der letzten drei Jahre machten mir unmissverständlich deutlich, dass ein Teil von mir unablässig damit beschäftigt ist, meine Depression auszublenden, unsichtbar, vergessen zu machen – sowohl meiner Umwelt, aber vor allem mir selbst gegenüber. Indem ich hier für alle zugänglich und unschwer mit meiner Person verbunden öffentlich über meine Probleme blogge, will ich mich zwingen, selbst Fremden gegenüber die Krankheit eingestehen zu müssen – oder positiv formuliert: Ich nehme mir den Druck, jemandem etwas vormachen zu müssen, denn jeder ist ja nur eine Google-Suche von der Wahrheit entfernt. Gleichzeitig werde ich so immer wieder daran erinnert, über die Krankheit nachzudenken, mir meinen Zustand ins Bewusstsein zu rufen und so besser damit umzugehen.
Und heute?
Meine Psychotherapie dauert an, nach einigen weiteren Stunden wird die Krankenkasse jedoch keine weiteren Kosten übernehmen. Daher suche ich schon seit längerem nach einem vertrauenswürdigen Psychiater, der mich “grundversorgt” – bisher ohne Erfolg. Trotzdem ist es mir gelungen, seit August ohne Antidepressiva zu leben. Damit ich das durchhalte, laufe ich seit Kurzem regelmäßig und betreibe Meditationsübungen. Seit dem 2. November 2009 arbeite ich wieder, zunächst im Rahmen einer Wiedereingliederungsmaßnahme.