Jan 1 2011

Auf ein Neues

Treffender und schöner als Neil Gaiman kann ich meine Wünsche für Euch und mich auch nicht formulieren:

May your coming year be filled with magic and dreams and good madness. I hope you read some fine books and kiss someone who thinks you’re wonderful, and don’t forget to make some art — write or draw or build or sing or live as only you can. And I hope, somewhere in the next year, you surprise yourself.


Dez 24 2010

Liebe Freunde und (Ersatz-)Familie,…

…wir haben es alle gehört, gelesen und im Fernsehen und an uns selbst beobachtet: Das Fest der Liebe ist zum Großteil alles andere als eben das. Tatsächlich ist es Zeitdruck, Einkaufswut, Wunschdenken, Maskerade. Es ist meist genau das nicht, was wir uns einander wünschen: beschaulich.

Trotzdem begehen – was weiß ich, sagen wir: “gefühlte” – 99% aller Menschen diesen Tag jedes Jahr aufs Neue, als hätten sie nicht das Jahr davor und auch das davor und eigentlich all die Jahre, seitdem sie wissen, dass der Weihnachtsmann doch nur ihr Opa oder Vater war, all diesen Horror selbst beklagt. Warum nur?

Ich finde dafür nur einen Grund: Sie tun es nicht für sich; sie tun es für andere – trotz alledem. Für den Lebensgefährten. Für die Oma, den Opa. Für die eigenen Kinder oder die verwandten. Wir erinnern uns: Unsere Eltern haben es für uns getan – und jetzt sind wir dran. Das Fest der Liebe, das ist die Liebe zu anderen, für andere.

Deshalb fühle ich mich wie ein Arschloch, wenn ich dieses Jahr wieder sage “Ohne mich”. Hier bin ich und sage: Ich bin nicht für meinen Vater da, nicht für meine (Stief-)Familie, und diesmal auch wieder nicht für enge Freunde.

Wie lieblos ist das denn?!?

Es hat lange gedauert, bis ich dieses Jahr begriffen habe, was hier passiert. Was in mir, mit mir vorgeht. Und es hat doch mit Liebe zu tun – ausgerechnet.

Auch ich habe jahrelang Weihnachten für andere gelebt. Oder an Weihnachten “mitgespielt” trifft es vielleicht besser. Es war für meine Mutter. Mama – Gott, wie lange habe ich das Kosewort nicht mehr benutzt – war die Verkörperung all der Untugenden, die ich schon aufgezählt habe. Sie kaufte ein, dekorierte, kochte beständig am Rande des Nervenzusammenbruchs – für mich und für meine Großeltern. Und für ein heiles Familienbild. Meine Aufgabe war, diesen Haufen Stress, Pfichgefühlen und Versagensängsten kein Jota hinzuzufügen. Und am Ende des Tages musste alles so schön und gut gewesen sein, alles andere hätte meiner Mutter den Verstand gekostet. Den verlor sie auch sonst oft genug – nur nicht am Fest der Liebe. “Lieber Gott, bloß nicht am Fest der Liebe!”

Meine ganze Aufmerksamkeit und Liebe – oder, wie drückte es einmal eine sehr gute Freundin aus: “Was ist Liebe anderes als außerordentlich gesteigertes Interesse an einer einzelnen Person?” – also meine ganze Liebe galt meiner Mutter. …

Gilt.

Weihnachten ohne sie geht für mich – zur Zeit – nicht. Ich begehe sozusagen das Fest immer noch nur für sie. Und solange das so ist, wie soll ich für andere da sein? Ja, es gab Weihnachten, da war das etwas anders. Die Eingeladenen wissen, welche ich meine. Es ist kein Zufall, dass ich sagen kann, da ging es mir besser. Ich war da weiter von meiner Depression entfernt als jetzt. Als heute.

Aber es gibt ja auch noch meinen Verstand. Er verteidigt sich. Er fragt: Merkt denn keiner, dass hier ein Fehler im System ist?!? Wieso soll man denn genau an diesem einen Tag für andere da sein und einander lieben? Geht das etwa an den anderen Tagen nicht? Und ist es nicht natürlich, dass es zuviel ist für einen Tag, für diesen einen Heiligabend im Jahr? Kann man wirklich, will man wirklich wegen eines nahezu zufälligen Datums alles anders machen anders fühlen als an allen anderen Tagen?

Ich will für Euch, für andere da sein, und zwar an jedem beliebigen der anderen 364 Tage im Jahr. Aber ich weigere mich, es zu müssen, am 24.12. von allen Tagen.

Es kann und darf keinen Zwang zu Lieben geben! Glaubt mir, ich weiss, wovon ich da spreche.

Dafür danke ich meiner Mama, auch wenn sie es mir auf ganz andere Weise beigebracht hat, als sie es sicher wollte. Und da sind sie, die Tränen, ich wusste doch, irgendwo sind sie…

Ich wünsche Euch allen aus ganzem Herzen ein schönes, friedliches und möglichst liebevolles Fest! Nur macht Euch bitte nichts vor.

In Liebe,
Philipp


Dez 15 2010

Willkommen!

Ich erwarte demnächst Besuch auf diesem Blog, nachdem ich – für mich überraschend zögerlich – den Link hierher rausgerückt habe. Die “Neuankömmlinge” will ich kurz begrüßen; Euer Interesse freut mich.

Links zu Seiten zum Thema Depression findet Ihr unter “Depression” im Internet. Meine individuelle Vorgeschichte, die zu diesem Blog geführt hat, findet Ihr unter Über/About “Nullwert” – inklusive Erklärung, wie es zu dem Namen kommt.

Auch wenn ich glaube, sehr vorsichtig geblieben zu sein, habe ich zugegebenermaßen immer noch Angst, etwas geschrieben zu haben, was jemanden persönlich trifft – auch aus Therapeuten- oder Kliniksicht. Sollte ich irgendeine Grenze überschritten haben, lasst es mich wissen, damit ich es dann ändern kann.

Später ((über-)morgen?) etwas zu der positiven Wendung, die der heutige Tag für mich gebracht hat, nachdem ich gestern am (Ver-)Zweifeln war.

Nachtrag (16:11 Uhr): Ich muss leider feststellen, dass die Seite “Depression” im Internet einer Überarbeitung bedarf. Zum Einen ist der Videolink von FRND.TV tot – die Seite selbst aber noch aktuell – zum Anderen habe ich mit der Zeit doch noch mehr Lesenswertes gefunden, nur nicht dort aktualisiert. Vieles findet sich in der (beendeten) Serie Worte zum Sonntag. Nutzt auch bitte das Suchfeld. Was sich im Übrigen mit der Zeit aber immer noch nicht geändert hat ist der Eindruck, dass es an einer guten Basisinformationsseite für Betroffene im deutschsprachigen Raum immer noch zu mangeln scheint, dass hier noch immer von den Einzelverbänden zuviel “Vereinsmeierei” betrieben wird. (Meine Hoffnung, dass die Robert-Enke-Stiftung nach der Medienaufmerksamkeit diese Rolle übernehmen könnte, wurde ja inzwischen ausreichend enttäuscht.) Wie es anders ginge zeigt z.B. die britische Depression Alliance.


Dez 14 2010

In der Tagesklinik (Woche #3 und Einhalb): Sprachlos

Letzte Woche war mein Magen-Darm-Trackt defekt und hat mich für die halbe Woche an die Wohnung gefesselt. In die Zeit fiel ein Therapeutenwechsel: Nachdem meine eigentliche Bezugsperson – aus gesundheitlichen Gründen, soweit ich es verstanden habe – ausgefallen ist, hat eine neue Therapeutin deren Platz in den Gruppengesprächen eingenommen. Der ungeplante Wechsel hat in meiner Abwesenheit zu Spannungen geführt, die ich nicht vollständig nachvollziehen konnte; die Reaktion der Betreuenden darauf wiederum schien mir ebenso unverständlich.

In der Visite heute – dort beschreibt jeder einmal wöchentlich vor der Gruppe einem Vertreter der Klinik, wie es ihm geht bzw. die Woche über ergangen ist – habe ich meine Zweifel und Frustration deutlich gemacht. Die Hauptreaktion darauf war eine klassische Frage: Was erhoffen Sie sich denn für sich von dem Aufenthalt?

Meine Antwort, nach langem Überlegen: “Dass mir jemand so ein Bein stellt… dass ich vom Kopf wieder irgendwie auf die Füße falle.”

Die Ärztin zögerte, ehe sie meinte, sie verstehe nicht.

PS: Kurz nach Veröffentlichung umformuliert, um niemanden persönlich, nun ja, anzugreifen. Die Balance ist schwierig, aber den einfachsten Weg aus diesem Dilemma (die da wäre, nicht über den Klinikaufenthalt zu bloggen) will ich auch nicht gehen.