Feb 21 2010

Worte zum Sonntag (#17)

Während Ihr die folgende Cut&Paste-Zusammenstellung lesenswerter Artikel der vergangenen Woche durchgeht, könnt Ihr übrigens auch nullwert.de beim Musikmachen zuhören:

  • “Wir wollen den Eltern helfen, ihre Hemmschwelle zu überwinden und die ganze Familie stärken” – Projekt ECHT STARK! (Dank an psychoMUELL!)

  • “Wäre es nicht mutiger, darauf hinzuweisen, dass die Gesellschaft darauf hinsteuert, dass sich Leistung eben immer weniger lohnt. Das sollte noch um den Hinweis ergänzt werden, dass sich auch Bildung nicht mehr auszahlen könnte – jedenfalls nicht im Rahmen dieses Klipp-Klapp-Mechanismus, den hier Politik als ranziges Remedium verkündet.” – Schöne neue Arbeitswelt: Wie glücklich macht eigentlich Arbeit in einer Gesellschaft, deren Betriebssystem auf Konkurrenz, Siege und Niederlagen setzt?

  • “We need to know more about how the health effects of flexible working are experienced by different types of workers, such as women compared to men, old compared to young and skilled compared to unskilled population groups.” – Review: Giving employees more flexibility over their work schedules likely to boost their health (Quelle: The Cochrane Collaboration (deutsche Website; Wikipedia-Eintrag)

  • “More and more, we work at playing, larding our leisure with labor-related terms and themes: efficiency; perfectionisms; results.” – Goofing Off: How a little play time can even be good for adults.

  • “[..] die Wissenschaft [weiss] noch immer nur wenig darüber, was bei dieser Behandlung im Gehirn wirklich passiert. Ein implantierbarer Sensor, der zurzeit in Tierversuchen getestet wird, soll dies nun ändern: Er registriert chemische Signale, die eine elektrische Stimulierung hervorruft.” – Chemischer Blick ins Hirn.

  • Das Hirn schläft von innen nach außen ein. Der Cortex hat noch etwas Freilauf.”

  • “Durch die Festlegung eines bestimmten Krankheitsbilds wird also auch zukünftiger Forschung der Weg gewiesen [...]. Nicht zuletzt prüfen natürlich auch die Finanzierer wissenschaftlicher Forschung, inwiefern ein vorgeschlagenes Projekt in die vorhandenen Strukturen passt. Drittens beeinflusst es auch die Patienten selbst, welche Krankheit ihnen attestiert wird und wie die Krankheit verstanden wird.” – Die psychiatrischen Erkrankungen der Zukunft über das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (auch bei psychoMUELL!). Anmerkung: Um das Thema dreht sich auch das Buch Crazy Like Us, das darauf wartet, endlich von mir gelesen zu werden. Aus dem Klappentext: “In Crazy Like Us, Ethan Watters [der Autor] reveals that the most devastating consequence of the spread of American culture has [...] [been] our bulldozing of the human psyche itself: We are in the process of homogenizing the way the world goes mad.”)

  • “We don’t know whether trying to change your outlook on life can alter your risk of heart disease. It’s not clear whether it’s even possible to drastically change your default happiness level. However, some research suggests that regular exercise, sex, and good sleep might be helpful.” – Happiness linked to a healthier heart (Übrigens ein weiteres gutes Beispiel, wie man Ergebnisse wisssenschaftlicher Studien sinnvoll Laien vermittelt.)

  • Befriending is an emotional support intervention commonly offered by the voluntary sector.” – LOL! ‘tschuldigung… (aus University of Manchester publishes research in depression prevention)

  • “We didn’t know you were an introvert. We thought you were just a bitch.” – We Gotta Fight for our Right Not to Party, ein Blogeintrag aus The Introvert’s Corner bei Psychology Today (via boingboing; Kommentare dort: “OK, I’ll ask. Why does a self-described introvert have a public blog?”; “That’s funny, I considered myself an introvert for a long time but recently realized I AM just a bitch.”)

Schönen Sonntag, wo immer Ihr gerade seid!


Feb 7 2010

Worte zum Sonntag (#15)

Die Frage der Woche lautete: Macht Internet depressiv?

So nämlich kolportierte die Zeitschrift Men’s Health eine in der Fachzeitschrift Psychopathology veröffentlichte Studie der University of Leeds. Mit der Veröffentlichung ging eine Pressenachricht einher, die – pardon, wenn ich übertreiben sollte, aber mich regt sowas auf… – einer Universität unwürdig ist: Excessive internet use is linked to depression heisst es schon im Titel falsch, denn das is täuscht ein Fakt vor, dass die Studie gar nicht liefert. Was aber so schlimm ist: Im weiteren Text wird exzessive Internetnutzung mit Suizidalität in Verbindung gebracht – worum es in der Studie offenbar ebenfalls nicht ging. Der ganze Artikel macht die Untersuchung bedeutender, als sie ist. Das sollte er wohl auch, und mit Erfolg, wie es scheint: Ich fand die Pressenachricht (sicherlich auch dank der Presseagentur Reuters) in zahlreichen Artikeln aus der ganzen Welt wieder.

Wie man am Übelsten auf diesen Hype aufspringen kann, zeigt der Focus: Internet-Junkies haben häufig Depressionen. Aber selbst das Ärzteblatt titelt voreilig: Internet-Süchtige häufig depressiv (schränkt diese Behauptung aber im Text wieder ein).

Wie man verantwortungsvoll(er), nämlich kritischer, mit solchen Nachrichten umgeht, zeigt schön der britische Guardian, vom fachlich korrekten Titel bis hin zur Aufbereitung des Inhalts für die nicht-fachkundigen Leser:
Internet overuse linked to depression, but questions remain
.

Der Guardian erwähnt auch den Knackpunkt: “‘internet addiction’ is not a medically defined term.” Es geht um die äußerst umstrittene Frage, ob es das Krankheitsbild Internetabhängigkeit (Internet Addiction Disorder (IAD)) überhaupt gibt.

Spannend deshalb, dass Telepolis unter dem (schön neutralen) Titel Exzessive Internetnutzung und Depression aus den Zahlen fast den allen anderen Berichten zuwiderlaufenden Schluss zieht: “Die Zahl der Menschen, die Anzeichen von Internetsucht zeigt, scheint [...] doch nicht so hoch zu sein, wie von manchen beschworen wird.”

Das findet auch Golem.de, das die Nachricht und ihren inhaltlichen Gehalt meiner bescheidenen Meinung nach am Treffendsten zusammengefasst hat: Depressive surfen auch im Web.

Nachtrag: Psychology Today, U.S.-Website zu psychologischen Themen, nimmt sich in dem Artikel
Media hype overstates link between depression and the Internet
heute des Themas auch nochmal kritisch an. (Und wer meint, die noch altmodisch mit Papier arbeitende Presse sei besser, wird dort in einem anderen Artikel auch gleich eines Besseren(?) belehrt: British Newspapers Make Things Up…)


So, und jetzt noch anderes, was mir diese Woche im Internet(!) begegnet ist:

Schönen Sonntag und eine gute Woche! (Aber nicht so viel im Internet surfen! Man kann ja nie wissen… ;-)