Liebe Freunde und (Ersatz-)Familie,…
…wir haben es alle gehört, gelesen und im Fernsehen und an uns selbst beobachtet: Das Fest der Liebe ist zum Großteil alles andere als eben das. Tatsächlich ist es Zeitdruck, Einkaufswut, Wunschdenken, Maskerade. Es ist meist genau das nicht, was wir uns einander wünschen: beschaulich.
Trotzdem begehen – was weiß ich, sagen wir: “gefühlte” – 99% aller Menschen diesen Tag jedes Jahr aufs Neue, als hätten sie nicht das Jahr davor und auch das davor und eigentlich all die Jahre, seitdem sie wissen, dass der Weihnachtsmann doch nur ihr Opa oder Vater war, all diesen Horror selbst beklagt. Warum nur?
Ich finde dafür nur einen Grund: Sie tun es nicht für sich; sie tun es für andere – trotz alledem. Für den Lebensgefährten. Für die Oma, den Opa. Für die eigenen Kinder oder die verwandten. Wir erinnern uns: Unsere Eltern haben es für uns getan – und jetzt sind wir dran. Das Fest der Liebe, das ist die Liebe zu anderen, für andere.
Deshalb fühle ich mich wie ein Arschloch, wenn ich dieses Jahr wieder sage “Ohne mich”. Hier bin ich und sage: Ich bin nicht für meinen Vater da, nicht für meine (Stief-)Familie, und diesmal auch wieder nicht für enge Freunde.
Wie lieblos ist das denn?!?
…
Es hat lange gedauert, bis ich dieses Jahr begriffen habe, was hier passiert. Was in mir, mit mir vorgeht. Und es hat doch mit Liebe zu tun – ausgerechnet.
Auch ich habe jahrelang Weihnachten für andere gelebt. Oder an Weihnachten “mitgespielt” trifft es vielleicht besser. Es war für meine Mutter. Mama – Gott, wie lange habe ich das Kosewort nicht mehr benutzt – war die Verkörperung all der Untugenden, die ich schon aufgezählt habe. Sie kaufte ein, dekorierte, kochte beständig am Rande des Nervenzusammenbruchs – für mich und für meine Großeltern. Und für ein heiles Familienbild. Meine Aufgabe war, diesen Haufen Stress, Pfichgefühlen und Versagensängsten kein Jota hinzuzufügen. Und am Ende des Tages musste alles so schön und gut gewesen sein, alles andere hätte meiner Mutter den Verstand gekostet. Den verlor sie auch sonst oft genug – nur nicht am Fest der Liebe. “Lieber Gott, bloß nicht am Fest der Liebe!”
…
Meine ganze Aufmerksamkeit und Liebe – oder, wie drückte es einmal eine sehr gute Freundin aus: “Was ist Liebe anderes als außerordentlich gesteigertes Interesse an einer einzelnen Person?” – also meine ganze Liebe galt meiner Mutter. …
Gilt.
Weihnachten ohne sie geht für mich – zur Zeit – nicht. Ich begehe sozusagen das Fest immer noch nur für sie. Und solange das so ist, wie soll ich für andere da sein? Ja, es gab Weihnachten, da war das etwas anders. Die Eingeladenen wissen, welche ich meine. Es ist kein Zufall, dass ich sagen kann, da ging es mir besser. Ich war da weiter von meiner Depression entfernt als jetzt. Als heute.
Aber es gibt ja auch noch meinen Verstand. Er verteidigt sich. Er fragt: Merkt denn keiner, dass hier ein Fehler im System ist?!? Wieso soll man denn genau an diesem einen Tag für andere da sein und einander lieben? Geht das etwa an den anderen Tagen nicht? Und ist es nicht natürlich, dass es zuviel ist für einen Tag, für diesen einen Heiligabend im Jahr? Kann man wirklich, will man wirklich wegen eines nahezu zufälligen Datums alles anders machen anders fühlen als an allen anderen Tagen?
Ich will für Euch, für andere da sein, und zwar an jedem beliebigen der anderen 364 Tage im Jahr. Aber ich weigere mich, es zu müssen, am 24.12. von allen Tagen.
Es kann und darf keinen Zwang zu Lieben geben! Glaubt mir, ich weiss, wovon ich da spreche.
Dafür danke ich meiner Mama, auch wenn sie es mir auf ganz andere Weise beigebracht hat, als sie es sicher wollte. Und da sind sie, die Tränen, ich wusste doch, irgendwo sind sie…
Ich wünsche Euch allen aus ganzem Herzen ein schönes, friedliches und möglichst liebevolles Fest! Nur macht Euch bitte nichts vor.
In Liebe,
Philipp