Mrz 17 2010

Einen Tag später

Vorigen Eintrag habe ich bereits gestern Nacht (von Montag auf Dienstag) geschrieben, aber erst nachträglich öffentlich geschaltet.

Ich habe mich dafür entschieden, weil ich – unbewusst und zum ersten Mal, glaube ich – meine Jugend angesprochen habe. In meiner Selbstbeschreibung habe ich sie – bewusst – übergangen. Aber ich stelle fest, dass ich ohne sie vielleicht den wichtigsten Punkt meiner Geschichte ausgelassen habe, und ich so vielleicht fälschlicherweise eine bestimmte Vorstellung der Depression vermittle: die eines plötzlich eintretenden, quasi unerklärbar über einen hereinbrechenden “Fluchs”, einer Krankheit, die einen möglicherweise nur wegen eines Gendefekts befällt.

Aber so einfach ist es nicht. Nicht in meinem Fall. Und das muss ich erzählen – will ich erzählen!

Es ist vielleicht doch kein Zufall, dass mir dies bewusst wird an dem Tag, an dem ich mich auf Rat anderer entschieden habe, einen neuen therapeutischen Weg einzuschlagen zu versuchen, mit dem ich bisher meine Schwierigkeiten hatte: Psychoanalyse.

Die Behandlung fängt also nochmal von vorne an. Und so auch dieses Blog, irgendwie. Dieselbe Geschichte – Version 2.0.


Dez 24 2009

Meine heutige Weihnachtsgeschichte

Ich koche selten. Zur Zeit Meistens bin ich nun mal allein, und es fällt mir nur selten ein, mir etwas Gutes zu tun, indem ich mir die Zeit nehme, etwas Anspruchsvolleres zu Essen zu machen. Ich vermittle nur gerne den Eindruck, mehr vom Kochen zu verstehen, als ich praktisch umsetzen kann – was ich meiner Mutter verdanke.

Meine Mutter war eine begnadete Köchin. Sie hatte ein Verständnis von den Lebensmitteln und den Werkzeugen, sie zu bearbeiten, wie es Künstler von Farbtuben und Pinsel und Leinwand haben: Völlig intuitiv machte sie aus den zur Verfügung stehenden Mitteln etwas Besonderes. Ich habe also geschmeckt, wie Gutes zu schmecken hat, und beobachtet, wie es zubereitet wird. Und ich habe die Geschmäcker, die sie hervorgezaubert hat, noch immer im Mund.

Es sind vor allem einige wenige Gerichte, die mir unvergesslich bleiben. Vermutlich, weil sie zu besonderen Anlässen gekocht wurden. Oder einfach, weil sie so gut schmeckten. So zum Beispiel die Ente, die jedes Jahr zu Weihnachten anstelle einer Gans zubereitet wurde. Sie ist mir so sehr mit Weihnachten verbunden, und ihr Geschmack ist mir so gegenwärtig, dass ich nicht auf die Idee käme, sie so selbst zubereiten zu wollen. (Ich habe einmal Entenbrust zu Weihnachten gemacht, da aber ganz bewusst nach einem ganz anderen Rezept!)

Also, vor diesem Hintergrund stand ich nun vor einigen Tagen vor derselben Frage, die mir mein Vater heute gestellt hat: Was mache ich eigentlich an Heiligabend? Und denke als erstes daran: Was mache ich mir – zu Weihnachten – zu essen! Warum auch immer, mir fiel anstelle der Ente ein anderes Gericht ein, das mir meine Mutter in besonderer Weise in Erinnerung gekocht hat: Boeuf Bourgignon. Von einem Moment auf den anderen wusste ich: Das werde ich zu kochen versuchen.

Ich habe wohl rund einhundert Kochbücher im Regal stehen – alles Erbstücke von meiner Mutter, die sie sammelte – und dort drei Rezepte zu Boeuf Bourgignon gefunden – und sie alle beschrieben etwas Anderes. Nicht nur, dass sie es anders zu kochen verlangten, wie ich es von meiner Mutter so halb im Gedächtnis behalten habe, sie widersprachen auch noch alle einander, sowohl von den Zutaten her als auch was ihre Zubereitung anging.

Kurz, ich war von Gedächtnis und Schriftwerk verlassen. Was ich die Stunden zwischen 16 und 19 Uhr gemacht habe, war reine Intuition. Um halb neun etwa nahm ich das Boeuf nach inzwischen knapp drei Stunden in der alten Tonkasserolle, aus der wir auch zuhause das Gericht immer gegessen hatten, aus dem Ofen, in dem es geschmort hatte, und machte es mir bei Kerzenlicht in meinem Wohnzimmer, umringt von den Möbeln meiner Kindheit, mit etwas Spätburgunder Rotwein und dem Essen gemütlich – sofern “gemütlich” das richtige Wort ist für die gemischten Gefühle aus (wenig) Hoffnung und (großen) Befürchtungen, die das vor mir stehende Kochexperiment in mir erweckte.

Aber: Alles war gut!

Natürlich war es nicht dasselbe wie damals. Aber fast! So fast, dass mir die Tränen in die Augen stiegen vor Glück. Für einen Moment war ich wieder, keine Ahnung, vierzehn? Jahre alt – und zuhause. Und für einen Moment glaubte ich, meine Mutter hatte den ganzen Tag über meinen Kochlöffel geführt.

Gut, ich bin aufgeklärt genug (oder zu aufgeklärt?), um nicht auch zu denken, dass es ein bisschen Placebo-Effekt war. Aber was auch immer die Wahrheit ist, heute Abend hatte ich mein kleines persönliches Weihnachtswunder: Es bestand in einem wunderbaren Essen, einem Geschmack, einer Erinnerung.

Wäre ich nicht allein gewesen, hätte ich nie die Zeit und Aufmerksamkeit aufgebracht, es so zu erleben. Und so hatte auch das seine gute Seite.


Aug 7 2009

John Hughes, 1950 – 2009

Der Mann, der mitverantwortlich ist für viele Träume und Ideen meiner Jugend, ist im Alter von 59 Jahren gestorben, wie ich gerade erfahren musste. Mit dem Breakfast Club und Ferris macht blau hat er mir und vermutlich Millionen anderen mit zwei Filmen aus der Seele gesprochen, oder zumindest dabei geholfen, eben diese Seele zu entdecken. Leider war ich eher Brian statt Andrew oder John, nicht Ferris, sondern Cameron, aber im Geiste war ich alle von ihnen.

Aus irgend einem Grund lässt mich diese Erinnerung fast weinen, als trauerte ich über etwas schon lange Verlorenes. Danke schön, John.

(Nachtrag: Es ging nicht nur mir so.)

Und danke, Papa, nicht nur dafür, dass Du gerade mit mir noch einen anderen sinngebenden Klassiker aus meiner Jugend angesehen hast!