Jun 20 2010

Worte zum Sonntag (#33)

Als ich mit den Worten zum Sonntag anfing, da las ich noch täglich aufmerksam, was mir an vermeindlich neuen Erkenntnissen per automatisierter Suchen vors Auge kam – in der noch ungetrübten Hoffnung, etwas über meine Depression und mich selbst zu lernen. In gewisser Weise naiv, ich weiß…

Die vermeindlichen Nachrichten aus der Wissenschaft wenden sich denn doch zu oft ausschließlich an eine esoterische Fachwelt. Selbst wenn von “namhafteren” Seiten ein Forschungsergebnis aufgegriffen wird, versteckt sich doch in 95% der Fälle einer von zwei Fällen dahinter: (Oft schon bekannte) Fakten werden aufgegriffen, weil es gerade Wellen schlägt oder gerade die passende Zeit dafür ist, oder eine neue Erkenntnis wird wegen ihres Effektwerts verwertet, doch bei zweitem Hinsehen stellt sich die Faktenlage als äußerst dünn heraus oder ihre Interpretation ist mangelhaft oder schlicht nicht möglich. In einzelnen Fällen sollten die Forscher sich für den Dünnsinn schämen, den sie da in die Welt bringen, wie die Gruppe der University of British Columbia, die anhand der Untersuchung von 38 Männern anfängt, über men’s strong sense of masculine roles and responsibility as a provider and protector zu fabulieren.

Mit anderen Worten: Das Lesen macht (mir) weder Spaß, noch bringt es einen Erkenntnisgewinn über das hinaus, was wir ohnehin wissen sollten – dass wir nämlich nichts wissen.

Da fand ich auch folgenden Satz im Artikel Hirnschrittmacher – Eingriff in die Persönlichkeit des Rheinischen Merkur bezeichnend:

Laut [Prof. Dr. Thomas] Heinemann werden schon bei der Behandlung einer Depression mit Medikamenten nur etwa zehn Prozent der Wirkungsweise verstanden.

Es bleibt natürlich spannend zu beobachten, ob (oder vielmehr: wann und wie) es gelingt, die anderen 90% zu entdecken – aber ist es sinnvoll, das täglich oder wöchentlich anhand jeder noch so kleinen Nachricht zu versuchen?

Die folgenden zwei Nachrichten bestärkten mich auch wieder mal im Widerwillen, mich mit dem leidigen Thema Medikation zu beschäftigen: First the pill, then the disease der Los Angeles Times und Telepolis’ Überall lauert der Schmerz. Das Problem ist und bleibt, dass für Pharmaunternehmen die Behandlung einer Krankheit das Geld bringt, nicht ihre Beseitigung. (Schlecht formuliert… Ihr versteht, was gemeint ist, hoffe ich.)

Das Übrige sind dann das “Neueste” aus dem Gesundheitswesen, d.h. schlicht schlechte Nachrichten, wie z.B. die aus dem Raum Ludwigsburg in der Stuttgarter Zeitung über Personalmangel in der Psychiatrie. Oder warum nicht gleich über den möglichen Totalzusammenbruch des Systems?

Kurz: Vielleicht stelle ich diese “Kolumne” ein – und die wenigen Links, die ich dann doch noch weiterverbreiten will, gebe ich wieder mit einem eigenen Blogeintrag Raum.

Das wären diese Woche diese drei hier gewesen:

Mal sehen, wie es in einer Woche aussieht.


Sep 15 2009

Depression und “manliness”

Auf der Suche nach Ratschlägen zu klassischen britischen Anzügen bin ich auf The Art of Manliness gestoßen – und dort, in diesem Kontext überraschend (aber ganz und gar nicht unangebracht) – auf einen Artikel zum Thema Depression: Dealing with Male Depression.

Der Autor beschreibt einen ganz anderen, aber nicht gänzlich fremden Lebens- und Leidensweg als meinen. Ganz anders, weil unter meinen Depressionen nie andere direkt leiden mussten – ich habe mich versteckt, vielleicht aber auch einfach nie die Beziehung beginnen lassen, in der jemand hätte leiden können – oder ich mache mir was vor… Aber vertraut, weil meine Depression in der Kindheit begann und ich dennoch erst sehr spät im Studium das Ganze als Krankheit kennengelernt habe – und erst noch später als solche begreifen konnte. Und zum Kontext “Männlichkeit” (engl.: manliness): Ja, sie spielt (auch) bei mir eine bedeutendere Rolle, als ich mir angesichts einer vermeindlich metrosexuellen Gesellschaft und nach einer Art Post-68er-Erziehung eingestehen wollte – durfte, konnte, will…

Ich merke, irgendwann werde ich auch darüber etwas schreiben müssen.