Zur “Offenbarung eines Depressiven”
Ich habe mich gestern Abend (und heute gleich nochmal) deutlich mehr über die Behauptungen Manfred Lütz’ aufgeregt, als es tatsächlich gerechtfertigt ist. Der Passus, der mich aus dem Gleichgewicht brachte, war dieser:
Solche Depressionen haben nichts mit unserer schnelllebigen Zeit zu tun. [...] An dieser Krankheit ist niemand schuld. Man beschreibt sie am besten als Stoffwechselstörung im Gehirn, die mit Stoffwechselprodukten – Medikamenten – heute gut behandelt und in den meisten Fällen geheilt werden kann.
Diese Sätze waren so formuliert, dass man sie statt als medizinische Aussage auch als politische oder moralische missverstehen konnte. Aber selbst wenn ich das auf diese Weise (und aus privaten Gründen) Missverstandene beiseite lasse, halte ich diese Aussagen für irreführend. Denn sie sollen nahelegen, dass Depressionen eine rein physische Störung sind: Weder die “Zeit” (Kultur, Umwelt, Politik, Finanzsituation, Stress…) noch persönliches (Fehl-)Verhalten (niemand schuld) seien Ursachen der Krankheit, sondern eine Stoffwechselstörung. Dies ist schlicht weder bewiesen, noch unumstritten – im Gegenteil. Und: Laut Lütz wären Medikamente die Behanldung der Wahl – von Psychotherapie, Sport und Ernährung kein Wort. Wie übrigens auch von den zahlreichen Nebenwirkungen der Antidepressiva.
Und dann wäre da noch das kleine Adjektiv “gut”…
Spiegel Online hat einen Mitarbeiter gefunden, der sich namentlich “outet” und über seine individuellen Erfahrungen mit seiner Ausprägung der Krankheit Depression berichtet - und dabei auch endlich einmal das zur Sprache bringt, was die aktuell allseits gefragten und zitierten “Spezialisten” so gerne unter den Tisch kehren:
Ich bin keine Ausnahme, die ärztliche Versorgung von Depressiven in Deutschland ist eine Katastrophe. Ich weiß von Psychiatern, die die erfolgreichen modernen Medikamente nicht einmal kennen, und es gibt immer noch zahlreiche Kliniken, die Depressive aus reiner Bequemlichkeit mit Tranquilizern ruhigstellen.
Es wäre jetzt die Zeit für Presse und Politik, sich dieses vernachlässigten Themas anzunehmen. Es hilft nämlich nichts, die Öffentlichkeit via Enkes Schicksal über das Phänomen “Depressionen” aufzuklären (falls man das verbreitete Halbwissen – siehe oben – überhaupt als “Aufklärung” bezeichnen mag), die so Informierten aber in der monatelangen Warteschlange des nächstbesten schlecht ausgebildeten Psychiaters oder Psychotherapeuten “verhungern” zu lassen.