Nov 16 2009

Zur “Offenbarung eines Depressiven”

Ich habe mich gestern Abend (und heute gleich nochmal) deutlich mehr über die Behauptungen Manfred Lütz’ aufgeregt, als es tatsächlich gerechtfertigt ist. Der Passus, der mich aus dem Gleichgewicht brachte, war dieser:

Solche Depressionen haben nichts mit unserer schnelllebigen Zeit zu tun. [...] An dieser Krankheit ist niemand schuld. Man beschreibt sie am besten als Stoffwechselstörung im Gehirn, die mit Stoffwechselprodukten – Medikamenten – heute gut behandelt und in den meisten Fällen geheilt werden kann.

Diese Sätze waren so formuliert, dass man sie statt als medizinische Aussage auch als politische oder moralische missverstehen konnte. Aber selbst wenn ich das auf diese Weise (und aus privaten Gründen) Missverstandene beiseite lasse, halte ich diese Aussagen für irreführend. Denn sie sollen nahelegen, dass Depressionen eine rein physische Störung sind: Weder die “Zeit” (Kultur, Umwelt, Politik, Finanzsituation, Stress…) noch persönliches (Fehl-)Verhalten (niemand schuld) seien Ursachen der Krankheit, sondern eine Stoffwechselstörung. Dies ist schlicht weder bewiesen, noch unumstritten – im Gegenteil. Und: Laut Lütz wären Medikamente die Behanldung der Wahl – von Psychotherapie, Sport und Ernährung kein Wort. Wie übrigens auch von den zahlreichen Nebenwirkungen der Antidepressiva.

Und dann wäre da noch das kleine Adjektiv “gut”…

Spiegel Online hat einen Mitarbeiter gefunden, der sich namentlich “outet” und über seine individuellen Erfahrungen mit seiner Ausprägung der Krankheit Depression berichtet - und dabei auch endlich einmal das zur Sprache bringt, was die aktuell allseits gefragten und zitierten “Spezialisten” so gerne unter den Tisch kehren:

Ich bin keine Ausnahme, die ärztliche Versorgung von Depressiven in Deutschland ist eine Katastrophe. Ich weiß von Psychiatern, die die erfolgreichen modernen Medikamente nicht einmal kennen, und es gibt immer noch zahlreiche Kliniken, die Depressive aus reiner Bequemlichkeit mit Tranquilizern ruhigstellen.

Es wäre jetzt die Zeit für Presse und Politik, sich dieses vernachlässigten Themas anzunehmen. Es hilft nämlich nichts, die Öffentlichkeit via Enkes Schicksal über das Phänomen “Depressionen” aufzuklären (falls man das verbreitete Halbwissen – siehe oben – überhaupt als “Aufklärung” bezeichnen mag), die so Informierten aber in der monatelangen Warteschlange des nächstbesten schlecht ausgebildeten Psychiaters oder Psychotherapeuten “verhungern” zu lassen.


Nov 15 2009

Worte zum Sonntag (#3)

Quod erat demonstrandum: Die Presse machte sich diese Woche wie erwartet über Enkes Schicksal und das Thema Depression her. Die heutigen Worte zum Sonntag sind daher eine Zusammenstellung der Artikel, die weniger das private Einzelschicksal Robert Enkes sondern die Krankheit in den Vordergrund zu stellen versuchten:

Abschließen will ich diese ansonsten (fast) unkommentierte Presseschau mit einem Zitat aus dem sehr bedenkenswerten Telepolis Blogbeitrag “Heldenverehrung” von Rolf Maresch: “Leute, [...] haltet doch mal inne. Das war nur ein Fußballtorwart [...]“


Okt 26 2009

Zum Stand der Forschung

Achtung: Das Folgende gibt, wie immer, lediglich meine Meinung wieder. Ich bitte alle von Depressionen Betroffenen, nur wegen meines “Rumgemäkels” nicht an Ihrer Medikamententherapie zu zweifeln oder gar sie eigenmächtig ohne Absprache mit dem Arzt zu ändern! Dies kann die Gesundheit gefährden, in schweren Fällen gar lebensgefährlich sein!!! Ich möchte nur ein mein Denken und Handeln zu “Papier” bringen und vielleicht bei den Lesern ein kritisches Bewusstsein schaffen. Stichwort: der mündige Patient.

Wenn ich so etwas sogar bei der renommierten BBC lesen muss, weiss ich auch nicht mehr… Hier wird eine Studie an sage und schreibe 64 Personen als potentieller Paradigmenwechsel (potentially “paradigm-changing”) beschrieben. Diese Erkenntnisse (findings) waren, dass eine signifikante Zahl von 33(!) als depressiv diagnostizierten Personen (gegenüber einer Kontrollgruppe aus 31 gesunden) auf Einnahme von – im Artikel nicht näher spezifizierten(!) – Antidepressiva innerhalb von nur drei Stunden mit positiveren Gedanken reagiere.

Zugegeben, das wäre in der Tat ein umwerfendes Ergebnis, denn bisher bekommt man gesagt, sie bräuchten in der Regel etwa zwei Wochen, um spürbar zu wirken. Aber darum geht es genau:

Dr Harmer [Oxford University] said: “We found the antidepressants target the negative thoughts before the patient is aware of any change in feeling subjectively.[...]“

Die Aussage ist: Antidepressiva “verbessern” unsere Gedanken, ohne dass es der Betroffene merkt.

Auf die Frage, wie es möglich ist, positivere Gedanken (und zwar innerhalb von drei Stunden nach Medikamenteneinnahme) festzustellen, ohne dass die Erwartungshaltung des dies “Messenden” dabei die Zahlen verfälscht, gibt der Artikel keine Antwort. Genausowenig, wie er erläutert, wie eine Studie an gerade einmal 33 Personen – deren genaue Form der Depression der Artikel genausowenig beschreibt wie die verwendeten Medikamente – überhaupt relevant sein soll.

Pardon, nichts gegen Forschung allgemein und diese Studie im Besonderen – ich kenne nur den Unfug, den die BBC (die BBC!) verzapft hat. Aber man kann mir – und ich finde: man darf niemandem – verkaufen, dass eine auf so vagen Zahlen – wir haben eine sehr kleine Testgruppe, keine konkreten Aussagen zu verwendeten Medikamenten, keine Aussagen über die Messmethode, mit denen die “positiveren Gedanken” festgestellt wurden – auch nur den geringsten Nachrichtenwert habe. So etwas ist schlicht schlechter Journalismus – und eine Irreführung unaufmerksamer Leser!

Zur fast selben Zeit wie obiger Artikel findet zum Beispiel eine andere Veröffentlichung über eine Studie ins Internet: Antidepressants are not effective for many people wird der Inhalt im Titel zusammengefasst:

A study from the laboratory of long-time depression researcher Eva Redei, presented at the Neuroscience 2009 conference in Chicago this week, appears to topple two strongly held beliefs about depression. One is that stressful life events are a major cause of depression. The other is that an imbalance in neurotransmitters in the brain triggers depressive symptoms.

to topple: kippen, etwas (um)stürzen: Hier werden mal gleich zwei grundlegende Annahmen der heutigen Behandlung von Depressionen in Frage gestellt!

Dies sind sicher nur zwei (willkürlich gewählte) Beispiele. Ich kann aber nicht anders, als nach allem, was mir so an Literatur und Artikeln bisher untergekommen ist, als zu der Ansicht zu kommen, dass der Wissensstand um die Wirkung und Wirkweise von Antidepressiva (und zwar egal welcher Generation) geradezu lächerlich gering ist. Man weiss offenbar weder, wie die Wirkstoffe genau in den Stoffwechsel des Gehirns eingreifen, noch, was genau die vermeindlichen Eingriffe eigentlich bewirken – noch, ob die damit möglicherweise behobenen Stoffwechselprobleme überhaupt für die Depressionen verantwortlich sind.

Ich jedenfalls versuche seit letzter Woche, mich wieder an zwei nachgewiesen wirksame Mittel zu halten, die ich leider wieder gänzlich vergessen hatte: Sport und Meditation. Es sind die ersten Mittel, zu denen man auch bei jeder Behandlung einer Depression angehalten wird – und sie sind bekanntermaßen nebenwirkungsfrei (solange man den Sport nicht als Mord betreibt).

Wie ich mich neuerdings dazu motiviere? Ich erinnere mich daran: Wenn ich nicht Sport treibe (oder meditiere), muss ich wieder Zeug schlucken, von dem keiner weiss, was es mit meinem Gehirn anstellt! Das Argument hat mich die letzten Tage noch jedesmal überzeugt…

Über meine diesmaligen Erfahrungen mit Meditation und Sport demnächst mehr in diesem Blog.