Nov 11 2010

“Lex Rösler” beschlossen

Was bereits vorab bekannt geworden war ist heute vom Bundestag beschlossen worden: das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG). Wie die taz heute wenig neutral aber meiner Meinung nach völlig zutreffend titelt: Die Pharmalobby war erfolgreich.

Ich erwarte statt Kosteneinsparungen, wie sie Herr Rösler versprochen hat, vielmehr die Belastung des Markts mit fragwürdigen, im schlechtesten Fall gefährlichen Spezialmedikamenten, deren Zusatznutzen nicht länger unabhängig geprüft werden kann. Aus obigem taz-Artikel:

Ein Beispiel: Ein Krebspräparat wird zum Verkauf bereits zugelassen, wenn nachgewiesen ist, dass es den Tumor schrumpfen lässt. Ob es dem Patienten tatsächlich jedoch mehr schadet als nutzt, weil die sonstigen Nebenwirkungen ihn zum Pflegefall machen, kann oft erst Jahre später durch vergleichende Therapiestudien ermittelt werden. “Eine zwingende spätere Nutzenbewertung ist aber nicht vorgesehen”, beklagt der Bremer Arzneimittelforscher Gerd Glaeske.

Die ARD veröffentlichte zu dem Thema heute ein Interview mit nämlichem Gerd Gläske.

Wir werden die tatsächlichen Folgen des AMNOG ertragen müssen ja beobachten können…


Okt 21 2010

In Dubio Pro Pharma

Nur wenige Tage, nachdem das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) ihre Bedeutung als Kontrollorgan der Pharmawirtschaft wieder einmal unter Beweis gestellt hat, wird dank des Leitartikels der heutigen taz, “Die Invasion der Nutzlos-Pillen“, öffentlich, dass unser Gesundheitsministerium unter Leitung von Philipp Rösler dem sogenannten “Pharma-TÜV” zukünftig die Handlungsbasis entziehen wird:

Statt aufwendiger, oft mehrjähriger Kosten-Nutzen-Analysen soll es künftig nur noch Nutzenschnellbewertungen durch das IQWiG geben – binnen drei Monaten und auf fragwürdiger Datenbasis. Schließlich soll die Beweislast umgekehrt werden. Bislang mussten die Hersteller dem IQWiG beweisen, dass ihr neues Medikament einen zusätzlichen Nutzen für die Patienten habe gegenüber herkömmlichen Medikamenten.

Nun muss dem Pharmabetrieb seine hauseigene Nutzenbewertung zunächst einmal blind abgekauft werden.

Leider fehlt mir gerade die Zeit, die Links zusammenzusuchen, unter denen nachzulesen ist, wie Pharmafirmen schon bisher ihre Forschungsergebnisse manipulieren (unter anderem, indem sie unliebsame Ergebnisse schlicht nicht veröffentlichen) und Einfluß auf die Diagnosendefinitionen nehmen (um überhaupt erst einen Markt für ein Medikament zu schaffen). Wird das IQWiG mit der angekündigten Änderung praktisch abgeschafft, fällt das letzte unabhängig arbeitende Kontrollbollwerk gegen überteuerte Neuerfindungen mit zweifelhaften, ggf. gar nicht vorhandenen Nutzen (vom schlimmsten Fall, dass die Medikamente sogar Schaden verursachen, mal ganz zu schweigen). Wenn ich mich nicht verrechne, wird dies auch wieder zu neuen Verteuerungen bei den Medikamentenausgaben der Krankenkassen führen – Teuerungen, die ja nach den letzten Beschlüssen des Gesundheitsministeriums zukünftig die Arbeitnehmer alleine tragen sollen…


Mai 16 2010

Worte zum Sonntag (#28)

Verschlafen, zwischen Formel 1 im TV und anklagend scheinendem Sonnenschein draußen hier in aller Kürze wieder Lesenswertes aus dem Internet dieser Woche rund um die Themen dieses Blogs:

Schöne verbleibende Sonntagsruhe.


Sep 27 2009

Ghostwriting in der Pharmaforschung

Telepolis berichtet über einen Artikel des Public Library of Science Medicine Journals:

Den Redakteuren zufolge belegen diese Dokumente, dass Wyeth spezialisierte Unternehmen wie DesignWrite, nach eigener Darstellung der “Marktführer in medizinischer Kommunikation”, damit beauftragte, Artikel nach eigenen Wünschen anzufertigen. Erst anschließend seien akademische Autoren gesucht worden, unter deren Namen die Studien veröffentlicht werden konnten. Die Namen der eigentlichen Verfasser würden in den Veröffentlichungen nicht mehr vorkommen.

Das scheint allerdings verbreitete Praxis zu sein, wie der Artikel weiter ausführt:

Redakteure von JAMA haben 1998 zusammen mit Wissenschaftlern die Ergebnisse einer Befragung [extern] veröffentlicht, derzufolge 19% der untersuchten medizinischen Arbeiten Gastautoren aufwiesen, 11% Ghostwriter und 2% beides.

Weshalb ich das in einem Depressionsblog veröffentliche? Antidepressiva sind ein riesiges Geschäft. Dennoch sind ihre Wirksamkeit und Wirkmechanismen weiter umstritten, ihre Nebenwirkungen sind teils massiv. Nichts ist also wichtiger, als eine fundierte, wissenschaftlich-objektive Diskussion über diese Medikamente und den Umgang mit ihnen.

Wenn man jedoch den diesen Diskussionen zugrunde liegenden vermeindlich wissenschaftlichen Publikationen nicht vertrauen kann, weil nicht einmal ihre Autorenschaft nachvollziehbar ist – was bedeutet das dann für die aus ihnen geschlussfolgerten Erkenntnisse und darauf basierenden Entscheidungen – nicht zuletzt auch für die Arzneimittelzulassung?