Apr 25 2010

Das Leben der Anderen

Die letzten vier, fünf Tage, in Hamburg fast durchgängig Sonnentage, Frühlingstage, heute sogar T-Shirt-warm, eine stetige Ermutigung, mich aus dem Haus zu begeben. Ich gehe Umwege, um den Weg zu irgendeinem Ziel, der als Anlass zum Aufbruch herhalten musste, zu verlängern, um nicht gänzlich grundlos die immer gleichen Straßen meines Viertels abzuschreiten. Die Kamera über die Schulter zu werfen ist auch eine gute Ausrede, selbst wenn ich in den wohlbekannten Häuserfassaden kein neues Detail mehr finden mag.

Es ist also eigentlich alles gut. Es geht mir fühlbar besser. Die Sonne tut mir gut. Ich halte es aus, auch einmal zehn, zwanzig Minuten einfach so dazusitzen, zu beobachten. Wollte ich hochtrabend daherkommen, ich könnte sagen, es gelänge mir tatsächlich, einige Zeit achtsam zu verbringen, im Moment verankert, Details erreichen mich, ohne dass mein Geist mir stetig dazwischenredet. Es wäre nicht ganz gelogen, aber es ist weit von der vollen Wahrheit entfernt.

Je besser das Wetter, desto mehr Menschen unterwegs. Vielleicht nicht alle glücklich, aber beschäftigt, sich unterhaltend, eigentlich immer zu zweit, mindestens. Die wenigen, die einzeln unterwegs sind, sind meist Männer, meistens mit dem zielgerichteten Gang und Blick, der zeigt, dass hier nicht geschlendert, nicht geschludert wird – irgendwo wartet jemand oder etwas, soviel ist klar. Die jungen Frauen, die ausnahmsweise alleine im quartiersüblichen Look die Straße schmücken, sind meist schnell dabei, ihr Handy ans Ohr zu halten, um deutlich zu machen, dass auch sie nur wenige Meter von der nächsten Verabredung entfernt sind.

Die gute Nachricht ist: Ich halte das wieder aus, dieses einer Paranoia gleichende Gefühl, irgendwie fehl am Platz zu sein. Allerdings: Wie lange?

Es ist immer ein Detail, das mich aus der hart erkämpften Freimütigkeit reißt. Die Selbstverständlichkeit, mit der ein Exemplar der Spezies Mann sein zu teures Cabrio samt zu billiger Gefährtin vor dem Kaffeehaus parkt. Ein willkürliches vertrautes In-den-Arm-Nehmen des Pärchens, das vor mir spazieren geht. Dieser kleine lüsterne Blick, den sich ein mir völlig unbekanntes Paar verliebt auf der Parkbank schenken, als ich zu ihnen hinüberschaue.

Mein eben noch offener Blick kehrt sich in diesen Momenten ganz unbewusst nach innen, als habe mein Herzschrittmacher ausgesetzt. Wie eine Marionette ohne Spieler hänge ich plötzlich in einem leeren, dunklen Raum, über einer Bühne ohne Publikum. Für einen Moment Sonnenfinsternis.

Und dann ist scheinbar wieder alles normal, die Sonne scheint immer noch. Nur etwas schmerzt weiter, als habe ich in einen Dorn gegriffen. Ich bin nicht mehr ganz da, etwas ist zurückgeblieben in dem fremden Raum, der mich für einen unbewussten Moment gefangen hielt. Und wie ich so weitergehe im Hamburger Sonnenschein wird mir klar, was da wieder beginnt, mich langsam aufzufressen.

Neid.


Mrz 10 2010

Für mich

Mein Vater wird mich besuchen kommen, nachdem ich den eigentlich geplanten Besuch bei ihm für diesen Urlaub abgesagt habe. Außer dass wir uns sehen können, dient der Besuch dazu, mir dabei zu helfen, die Dinge erledigt zu bekommen, die ich eigentlich schon in der vorigen Woche hatte erledigen wollen.

Das wird dann vermutlich auch funktionieren. Aber nicht etwa, weil man zu zweit doppelt so viel schaffen kann – das Problem ist eigentlich gar nicht, dass soviel zu tun wäre. Hätte ich die Dinge einfach eins nach dem anderen abgehakt, es wäre in der Woche zu bewerkstelligen gewesen.

Wie mir gerade durch den Kopf geht: Ich werde die Dinge dann erledigen, weil ich es quasi für meinen Vater tue. Er ist extra angereist, ich muss mich zusammenreißen, er soll sehen, dass es vorwärts geht. Wie mir wieder mal bewusst wird: Ich kann sehr gut Dinge für andere erledigen; nur nicht für mich.

Als wäre ich mir den Aufwand nicht wert. Als hätte ich mich schon aufgegeben.