In der Tagesklinik (Tag 3)
Mit der Unterschrift unter den Behandlungsvertrag mit der Tagesklinik legt man zugleich ein Schweigegelübde ab. Ohne dieses letztendlich stillschweigende Einverständnis, nichts über das Schicksal der anderen nach Außen dringen zu lassen, wären den Gruppengesprächen mangels Vertrauen jeder Nährboden entzogen.
Es ist nicht überraschend, wenn auch ein Zufall, dass deshalb gleich in der Gruppensitzung aus einem Artikel vorgelesen und Andreas Biermann zitiert wurde mit den Worten “Ich rate keinem Fußballer, sich zu outen.” Das Gespräch, soviel erlaube ich mir zu verraten, drehte sich in der Folge um die Frage, welche Befürchtungen jeder einzelne hat, was passiert, wenn er sich auf welche Weise seinem Arbeitsumfeld gegenüber als depressiv “outen” würde. So sind eben die Zeichen der Zeit!
Aber dabei ging mir eben auch die Bedeutung des Vertrags auf, den ich unterzeichnet habe. Mir ist klar geworden, dass ich Vieles hier nicht werde ansprechen können, weil über das Stichwort “Ulmenhof” ja schon eine örtliche und zeitliche Beziehung zu Einzelnen hergestellt werden könnte. Ich finde das schade – und ich tue mich immer schwer, mir auf die Zunge zu beißen, gerade dann, wenn mir schon etwas auf derselben liegt.
Eines darf ich zur Gruppe noch sagen: Ihre Zusammensetzung entspricht den zuletzt oft wiederholten Statistiken zu Depressionserkrankten. Die Frauen sind in der deutlichen Überzahl, außer mir ist nur noch ein anderer Mann in meiner Gruppe. Dieses Missverhältnis war auch schon vor vier Jahren so. Damals hatte ich sozusagen andere Sorgen, als mich um geschlechtsspezifische Einzelheiten zu kümmern – inzwischen aber weiss ich von mir, dass dies für mich durchaus keine unwesentlichen Fragen sind – um es mal ganz vorsichtig und diplomatisch auszudrücken, ohne gleich zu Wortmonstren wie “Geschlechterrolle”, “Männlichkeit” etc. pp. zu greifen, denn auch so gerät man schon ins Niemandsland des Geschlechterdiskurses. Aber ich frage mich inzwischen wirklich, wie diese Fragen behandelt werden sollen, wenn die – Achtung! – “männliche Perspektive” praktisch un(ter)repräsentiert ist. Habe ich erwähnt, dass ausschließlich Frauen an der Klinik arbeiten – von dem Masseur einmal abgesehen?