Worte zum Sonntag (#15)
Die Frage der Woche lautete: Macht Internet depressiv?
So nämlich kolportierte die Zeitschrift Men’s Health eine in der Fachzeitschrift Psychopathology veröffentlichte Studie der University of Leeds. Mit der Veröffentlichung ging eine Pressenachricht einher, die – pardon, wenn ich übertreiben sollte, aber mich regt sowas auf… – einer Universität unwürdig ist: Excessive internet use is linked to depression heisst es schon im Titel falsch, denn das is täuscht ein Fakt vor, dass die Studie gar nicht liefert. Was aber so schlimm ist: Im weiteren Text wird exzessive Internetnutzung mit Suizidalität in Verbindung gebracht – worum es in der Studie offenbar ebenfalls nicht ging. Der ganze Artikel macht die Untersuchung bedeutender, als sie ist. Das sollte er wohl auch, und mit Erfolg, wie es scheint: Ich fand die Pressenachricht (sicherlich auch dank der Presseagentur Reuters) in zahlreichen Artikeln aus der ganzen Welt wieder.
Wie man am Übelsten auf diesen Hype aufspringen kann, zeigt der Focus: Internet-Junkies haben häufig Depressionen. Aber selbst das Ärzteblatt titelt voreilig: Internet-Süchtige häufig depressiv (schränkt diese Behauptung aber im Text wieder ein).
Wie man verantwortungsvoll(er), nämlich kritischer, mit solchen Nachrichten umgeht, zeigt schön der britische Guardian, vom fachlich korrekten Titel bis hin zur Aufbereitung des Inhalts für die nicht-fachkundigen Leser: Internet overuse linked to depression, but questions remain .
Der Guardian erwähnt auch den Knackpunkt: “‘internet addiction’ is not a medically defined term.” Es geht um die äußerst umstrittene Frage, ob es das Krankheitsbild Internetabhängigkeit (Internet Addiction Disorder (IAD)) überhaupt gibt.
Spannend deshalb, dass Telepolis unter dem (schön neutralen) Titel Exzessive Internetnutzung und Depression aus den Zahlen fast den allen anderen Berichten zuwiderlaufenden Schluss zieht: “Die Zahl der Menschen, die Anzeichen von Internetsucht zeigt, scheint [...] doch nicht so hoch zu sein, wie von manchen beschworen wird.”
Das findet auch Golem.de, das die Nachricht und ihren inhaltlichen Gehalt meiner bescheidenen Meinung nach am Treffendsten zusammengefasst hat: Depressive surfen auch im Web.
Nachtrag: Psychology Today, U.S.-Website zu psychologischen Themen, nimmt sich in dem Artikel Media hype overstates link between depression and the Internet heute des Themas auch nochmal kritisch an. (Und wer meint, die noch altmodisch mit Papier arbeitende Presse sei besser, wird dort in einem anderen Artikel auch gleich eines Besseren(?) belehrt: British Newspapers Make Things Up…)
So, und jetzt noch anderes, was mir diese Woche im Internet(!) begegnet ist:
GlaxoSmithKline stellt die Forschung an Medikamenten zur Behandlung von Depression ein, berichtet unter anderem das Internetportal der Deutschen Apotherker Zeitung (siehe auch Reuters).
Wer es mir bisher nicht glauben wollte, glaubt vielleicht der WAZ Mediengruppe: Depressive müssen monatelang auf Behandlung warten.
Ein Artikel der Zeit Online zum Thema Stromtherapie bei Depressionen machte mich noch auf einen deutschen Dokumentarfilm aufmerksam: Schattenzeit begleitet drei an schwereren Depressionen Leidende über zwei Jahre hinweg filmisch. Offenbar wird noch ein Verleih für den Film gesucht.
Ein englischsprachiger Ratgeber für Eltern, der in drei kurzen Teilen anspricht, wie man Depression bei Kindern erkennen kann und ihnen gegenüber zur Sprache bringt, bis hin zur Behandlung: Kids and Depression: Parents’ Call To Action – Part 1, Part 2, Part 3.
Schönen Sonntag und eine gute Woche! (Aber nicht so viel im Internet surfen! Man kann ja nie wissen… ;-)