Dez 24 2010

Liebe Freunde und (Ersatz-)Familie,…

…wir haben es alle gehört, gelesen und im Fernsehen und an uns selbst beobachtet: Das Fest der Liebe ist zum Großteil alles andere als eben das. Tatsächlich ist es Zeitdruck, Einkaufswut, Wunschdenken, Maskerade. Es ist meist genau das nicht, was wir uns einander wünschen: beschaulich.

Trotzdem begehen – was weiß ich, sagen wir: “gefühlte” – 99% aller Menschen diesen Tag jedes Jahr aufs Neue, als hätten sie nicht das Jahr davor und auch das davor und eigentlich all die Jahre, seitdem sie wissen, dass der Weihnachtsmann doch nur ihr Opa oder Vater war, all diesen Horror selbst beklagt. Warum nur?

Ich finde dafür nur einen Grund: Sie tun es nicht für sich; sie tun es für andere – trotz alledem. Für den Lebensgefährten. Für die Oma, den Opa. Für die eigenen Kinder oder die verwandten. Wir erinnern uns: Unsere Eltern haben es für uns getan – und jetzt sind wir dran. Das Fest der Liebe, das ist die Liebe zu anderen, für andere.

Deshalb fühle ich mich wie ein Arschloch, wenn ich dieses Jahr wieder sage “Ohne mich”. Hier bin ich und sage: Ich bin nicht für meinen Vater da, nicht für meine (Stief-)Familie, und diesmal auch wieder nicht für enge Freunde.

Wie lieblos ist das denn?!?

Es hat lange gedauert, bis ich dieses Jahr begriffen habe, was hier passiert. Was in mir, mit mir vorgeht. Und es hat doch mit Liebe zu tun – ausgerechnet.

Auch ich habe jahrelang Weihnachten für andere gelebt. Oder an Weihnachten “mitgespielt” trifft es vielleicht besser. Es war für meine Mutter. Mama – Gott, wie lange habe ich das Kosewort nicht mehr benutzt – war die Verkörperung all der Untugenden, die ich schon aufgezählt habe. Sie kaufte ein, dekorierte, kochte beständig am Rande des Nervenzusammenbruchs – für mich und für meine Großeltern. Und für ein heiles Familienbild. Meine Aufgabe war, diesen Haufen Stress, Pfichgefühlen und Versagensängsten kein Jota hinzuzufügen. Und am Ende des Tages musste alles so schön und gut gewesen sein, alles andere hätte meiner Mutter den Verstand gekostet. Den verlor sie auch sonst oft genug – nur nicht am Fest der Liebe. “Lieber Gott, bloß nicht am Fest der Liebe!”

Meine ganze Aufmerksamkeit und Liebe – oder, wie drückte es einmal eine sehr gute Freundin aus: “Was ist Liebe anderes als außerordentlich gesteigertes Interesse an einer einzelnen Person?” – also meine ganze Liebe galt meiner Mutter. …

Gilt.

Weihnachten ohne sie geht für mich – zur Zeit – nicht. Ich begehe sozusagen das Fest immer noch nur für sie. Und solange das so ist, wie soll ich für andere da sein? Ja, es gab Weihnachten, da war das etwas anders. Die Eingeladenen wissen, welche ich meine. Es ist kein Zufall, dass ich sagen kann, da ging es mir besser. Ich war da weiter von meiner Depression entfernt als jetzt. Als heute.

Aber es gibt ja auch noch meinen Verstand. Er verteidigt sich. Er fragt: Merkt denn keiner, dass hier ein Fehler im System ist?!? Wieso soll man denn genau an diesem einen Tag für andere da sein und einander lieben? Geht das etwa an den anderen Tagen nicht? Und ist es nicht natürlich, dass es zuviel ist für einen Tag, für diesen einen Heiligabend im Jahr? Kann man wirklich, will man wirklich wegen eines nahezu zufälligen Datums alles anders machen anders fühlen als an allen anderen Tagen?

Ich will für Euch, für andere da sein, und zwar an jedem beliebigen der anderen 364 Tage im Jahr. Aber ich weigere mich, es zu müssen, am 24.12. von allen Tagen.

Es kann und darf keinen Zwang zu Lieben geben! Glaubt mir, ich weiss, wovon ich da spreche.

Dafür danke ich meiner Mama, auch wenn sie es mir auf ganz andere Weise beigebracht hat, als sie es sicher wollte. Und da sind sie, die Tränen, ich wusste doch, irgendwo sind sie…

Ich wünsche Euch allen aus ganzem Herzen ein schönes, friedliches und möglichst liebevolles Fest! Nur macht Euch bitte nichts vor.

In Liebe,
Philipp


Dez 27 2009

Worte zum Sonntag (#9): Weihnachtsnachlese


Dez 24 2009

Besinnliches

Es gibt zahlreiche besondere Feiertage im Jahr, aber keiner hat in unserem Kulturkreis dieselbe Bedeutung wie das Weihnachtsfest, hierzulande insbesondere Heiligabend. Ich glaube, der Grund dafür ist, dass Weihnachten anders als andere Traditionen eine Besonderheit hat: Bei dem Fest geht es um uns, will sagen, um jeden einzelnen selbst.

Sofern wir das Glück hatten, in einer heilen Familie aufgewachsen zu sein, hat sich die Erinnerung an die Weihnachten unserer frühesten Kindheit eingebrannt. Einen Tag lang drehte sich alles um uns: Geschenke wurden verpackt, die uns gelten würden. Ein Baum wurde geschmückt, das Wohnzimmer herausgeputzt, ein besonderes Mahl bereitet – alles nur um den Moment zu zelebrieren, an dem sich die Familie um uns versammeln würde, um uns reich zu beschenken. Und mit dem Beschenken meine ich nicht den materialistischen Vorgang – sondern den symbolischen, der uns damals, als wir noch nicht einmal ganz auf den eigenen zwei Beinen stehen, geschweige denn, das Geschehen bewusst begreifen konnten, noch direkt getroffen hat: Wir wurden mit Liebe und Aufmerksamkeit beschenkt.

Weihnachten war der Tag, an dem alles dazu diente, uns das Gefühl zu geben, willkommen und und in Sicherheit zu sein – geliebt zu sein.

So zumindest habe ich meine ersten Weihnachten in Erinnerung. Man merkt sicher, ich bin ein Einzelkind. Und sicher, natürlich wird jeder seine eigene Weihnachtsgeschichte haben. Und doch denke ich, alle, die Weihnachten als feiernswertes Ereignis erinnern können, teilen dasselbe Urgefühl, weshalb man dieses Fest ein Fest der Liebe nennt.

Nur werden wir eben alle älter, und irgendwann stellen wir fest, dass es mit der Liebe nicht so einfach ist. Früher oder später, aber spätestens, wenn wir das elterliche Heim verlassen haben, werden wir feststellen, dass nun vielleicht wir an der Reihe sind, unseren Eltern das Gefühl zu geben, geliebt zu werden. Und ganz instinktiv werden wir wollen, dass unsere eigenen Kinder dieses Gefühl zu Weihnachten bekommen, dass man uns quasi in die Wiege gelegt hat. Und so ändern sich die Rollen. Aber es bleibt dabei, es geht um Lieben und Geliebt Werden.

Wer natürlich schon in der frühen Kindheit nicht das Glück vergönnt war, so besondere Abende erleben zu dürfen, auf diese zeremonielle Art seiner Liebe versichert zu werden, wird dies vermutlich alles ganz anders beurteilen. Und sich wundern, was die Welt zu dieser Zeit so umtreiben mag. Ich hatte das Glück, und deshalb glaube ich zu wissen, was die Menschen bewegt. Und was mir heute Abend fehlen wird.

Ich werde heute alleine bleiben, weil ich all das eben Gesagte schon oft gedacht habe und weiss, wie ich mir Liebe nicht werde “erschwindeln” können. Zum Beispiel nicht unter Menschen, die ich nicht lieben kann, weil ich sie nicht gut genug kenne, und mir aus demselben Grund nicht das Gefühl geben können, geliebt zu werden. Weshalb ich nicht meinen Vater besuche, der im Kreis der Familie meiner Stiefmutter feiert. (Und weil mein Vater, dessen bin ich mir sicher, geliebt wird und sich geliebt fühlen wird heute Abend.) Weshalb ich auch jede Einladung ausschlagen würde, im Kreise einer Familie eines engen Freundes mitzufeiern – von der ich glücklicherweise keine bekommen habe.

Die letzten Jahre habe ich aber mit guten Freunden gefeiert, unter vier oder sechs Augen. Was ich sehr schön finde. Aber, nichts für ungut, dasselbe ist es nicht.

Ich werde also Heiligabend allein verbringen. Ich habe allen, die gefragt haben, gesagt, dass das in Ordnung geht, und dabei nicht einmal gelogen. Es geht mir gut, meine Depressionen habe ich im Griff, und ich habe mich bewusst entschlossen, alleine zu bleiben.

Doch die Liebe fehlt, wem soll ich etwas vormachen. Kann sein, dass mir ihr Fehlen heute noch zu schaffen machen wird. Ich spüre irgendwo leicht rechts hinter dem Herzen die drohende Dunkelheit, zu der sich die gesammelte Einsamkeit von Zeit zu Zeit verdichtet. Aber wenn ich schon ehrlich bin: Mit ihr lebe ich jeden Tag.

Und warum schreibe ich Euch das? Damit Ihr Euch daran erinnert, worum es heute geht. Seid glücklich. Freut Euch darüber, dass es Menschen gibt, die genügend Liebe oder vielleicht auch nur Hoffnung, aber in jedem Fall Gefühle für Euch empfinden, um mit Euch diesen besonderen Abend verbringen zu wollen. Was immer Ihr verschenkt oder geschenkt bekommt: Das ist das einzig wahre Geschenk, seid dankbar dafür.

Habt einen schönen, liebevollen Heiligen Abend.


Dez 21 2009

Besinnungslos

Worte. Assoziationen. Es begann mit dem Versuch, etwas zu meditieren heute am frühen Abend. Doch die Gedanken wollten sich nicht nur beobachten lassen. Erst jagten sie einander – dann mich…

Ruhe. Konzentration. Achtsamkeit. Besinnlichkeit. Weihnachten. Heilig Abend. Alleine. Abendessen. Kochen. Familie. Mutter. Tod. Essen. Weihnachten. Einsam. Liebe. Sex. J. Machtlosigkeit. Einsamkeit. Weihnachten. Achtlosigkeit. usw.

Kurz darauf war ich beinahe soweit, mir Besinnungslose Weihnachten wünschen zu wollen!

Besinnungslos

Synonyme: bewußtlos, empfindungslos, ohnmächtig, scheintot, starr, unempfindlich

Merkwürdig, sich die Depression herbeizuwünschen… beinahe, unbewusst. Aber da kommt sie her, selbstvernichtender Schutzmechanismus, der sie ist…

Also: Augen auf und durch!